18. April 2009

Gesichte im Fels VIII.


Selma Meerbaum-Eisinger

Schöner Vogel -
zwitscherst leise
in dem grünen Baum.
Junger Vogel -
schon so weise
wie ein alter Traum.

Kurze Vogelsänge fliegen
einsam in das weite Rund -
Lange goldne Schauer wiegen
langsam ein seit jener Stund.

Kleiner Vogel -
so verletzlich,
zart und dunkelbunt.
Toter Vogel -
unersetzlich.
Ruhe sanft im Grund.





Ich tu mich schwer mit nackten
Daten oder Fakten:
Sie sind mir eine Last.
Wer achtet neben reifen
Früchten kahlen Ast?





Unruhe des Beruhens

Trüber Gesang schmerzte mein Ohr
einst, als einsam am Ufer ich stand;
tief aus dem Grund drang es empor,
unwirtlich ward mir der Strand.

Klingender Anklang wie beißender Rauch,
mir, die ich so freudig der Stille gelauscht;
unnahbar fremd, so schien es mir auch,
kaum, daß ich scheu erste Blicke getauscht.

Hinein in den Wald ging eine Schlucht,
wo schlichtes Genüge sich gibt;
dorthin verlangte mich helfende Flucht,
daß mir das rechtende Drängen zerstiebt.

Heimlich erstarb das Echo im Wald,
wohl hab ich lange im Moosgrün geruht;
Pfade der Wasser erreichten mich bald,
netzten und kühlten mein fiebriges Blut.

Endlich entließ jener Tag mich zur Nacht,
entspannte mich da erst in hoher Geduld;
glänzende Stille in schweigsamer Pracht
fand niedergestreckt mich als Opfer der Huld.





Die Frist

Einmal noch und noch einmal
heißt ein altes Lied
Magst du's singen? steht zur Wahl
macht uns seinen Unterschied -
Immer giert es uns nach Neuem
denn die Zeit wird schal
wenn wir uns vorm Abend scheuen
dann ist Spanne schmal.





Stille Wende

Wieder kehrt die Sonne.
Ein Sturm zog in der Nacht.
Das Land glänzt auf in Wonne.
Es dankt mit grüner Pracht.
Frohe Sänge künden
Den wechselvollen Gang.
Des Jubels Chöre münden
Verschwiegen ihm entlang.





Wie nenn ich..s ?

Hertha grünet, allumfassend
trägt den dunklen Abgrund aus
Himmelswasser niederlassend
baut sie still am eignen Haus.
Jenes Wilde, das gebändigt
uns nun folgsam und auch zahm
schlechtern Herren ausgehändigt
wird es zusehnds flügellahm.

Lässig schwingen Lichter leise
heiter ein ins offne Tal
rufen dort in holder Weise
lang Gehegtes allzumal.
Aus dem Boden steigt Verlangen
jenem rührend Anderm zu
sehnend mag es da empfangen
was geregt die dumpfe Ruh.





Alle Menschen schöpfen
aus demselben Grund -
Nur die Fühler
dehnen sich verschieden.





Feuriges Geschick

O ihr Brüder alle,
die ihr der Liebe Asche tragt,
gramgebeugt und voller Kummer;
die immer albern ihr,
dankbar ihr im Schoße lagt,
selig, noch im tiefsten Schlummer;

o ihr Brüder - wisset:
Groß ist, was da niederragt
und Einzig reißt euch innre Mitte;
hoch, im reinen Übermaß
es jenen weiten Raum umhagt -
weiterreichend es an Dritte.





Vom Ausgleich

Dann ist die Zeit gekommen?
Hab ich die Freveltat verbüßt?
Mir scheint, es warn Äonen,
seitdem ihr in die Knie mich stießt.
Dann ist die Zeit gekommen?
Und lächelt gnädiger ihr jetzt?
Mir ist, als wär mit Tränen
das schuldge Auge euch genetzt.

Woher denn auch die Liebe?
Wer senkt ins frohe Herz sie ein?
Nun sühnt ich eure Mächte,
denn Hochmut gebt ihr obendrein?
Woher denn auch die Liebe?
Hat sie nicht selber mich erkannt?
Die ihr die Schwäche schenket,
habt auch zum Streiter uns benannt.

Ihr stürzt uns in den Abgrund,
doch mildert Demut sanft die Wucht;
dann nehmt ihr uns die Würde,
übt grausam uns die strenge Zucht.
Ihr stürzt uns in den Abgrund,
der Stärkre gibt sich selbst das Recht;
der Widerstand des Schwächren:
Im Übermaß hält er nicht schlecht.

Die ihr mir stets doch nahe -
Wie regt es euch nur immer Zorn?
Daß ich zu euch begehre,
verdank ich euerm eignen Sporn.
Die ihr mir stets doch nahe -
wie seltsam kommt mir eure Huld?
Doch blickt ihr mir vertrauter:
Es schimmert mir der Lieb Geduld.





Umgängliche Fordernisse

Nun ihr mich erkanntet,
eröffnend mich im Schmerz -
Die Zöglingin ihr nanntet:
Gewährt ihr auch ein Herz!

Nun ihr mich beriefet
ins eigene Geschick -
Da ihr die Brunst vertiefet:
Erwidert ihren Blick!

Nun ihr euch erwähltet,
begünstigt mich zur Braut -
Die ihr euch anvermähltet:
Erzeigt euch ihr vertraut!

Nun ich euch gestillet
die erste wilde Lust -
Die ihr mich innig füllet:
Umfangt mich an der Brust!





Gefährdetes Wohnen

Verheerend kommt das Feuer,
das blitzt vom Himmelszelt,
vernichtend ungeheuer
ins ausgedorrte Feld.

Verheerend kommt der Regen,
der bricht das Wolkentor,
verschlammend auf den Wegen
geschwemmten Grund empor.

Wenn Feuer eint sich Regen
zum unverdienten Spaß,
verschenkt die Gunst den Segen
ins rechte Mittelmaß.





Das Zutun

Auf schmalen Uferpfaden
ging ich den Strom entlang;
es lenkte meine Schritte
ein unvermerkter Hang.
Und als ich aufwärts blickte,
erkannte ich die Stell:
Der Liebling junger Tage -
der Spielplatz an der Quell.

Wie schien er mir so friedlich
in seiner stillen Ruh;
wie lächelte er gütig
mir aus Erinnrung zu.
Ich setzte mich und staunte,
es schwanden Alter doch:
Als ließ ich ihn erst gestern -
erschien er traut mir noch.

Die Vögel alle kehrten,
erfreuten mich mit Sang;
im Moosgrund lag ich lauschend,
besinnlich meinem Gang.
Was zog mich in die Ferne?
Entwand mich diesem Ort?
Mir war's wie anbefohlen -
als schickte Eins mich fort;

als müßt ich Gleichs erkunden,
den wechselvollen Lauf
von hier durch alle Stätten
und weit ins Land hinauf
bis endlich sich ins Meere
des Wassers Strömung gießt,
wo rückwärts in der Kehre
der stete Ursprung fließt. -

Noch immer stieg die Quelle
mir murmelnd in das Ohr;
beruhigt tönt im Innern
ein sanftes Lied hervor.
Der Wald hub an zu raunen;
es ging an mich sein Wort:
Empfing ich hier die Weihe -
Vergab sie sich schon dort?





Heiliges Walten

Wie lernen wir am Bilde
verschwiegener Natur
der zorngen Mutter Liebe,
des Vaters luftge Spur.
Magst alle Samen sammeln,
bedecken ihn mit Saum;
des holden Keimes Leben -
allein rührst du es kaum.





Eingeholt

Die Unruh des Beruhens
die jagte einst mich fort
im Zweifel auf die Suche -
nach einem andern Ort.
Da find ich wieder Stille
ich dank es meinem Herrn
denn heilig weilt sein Wille -
nun füg ich mich ihm gern.





Die Prüfung

Der Zorn der Liebe schloht sein Haar,
und trifft den armen Ritter.
Was vordem ihm das Süße war -
Fortan ist's ihm sein Bitter.

Es drückt den Armen allzuschwer
das erzne Zeug der Rüstung.
Das Rittertum gefällt nicht mehr -
Es zieht ihn an die Brüstung.

Gerüstet schien er, das ist wahr!
Ihn selbst trügte das Bilde.
Was nötiger zum Kampfe war:
Das hält der Liebe Schilde.





Stimmiger Fehl

Jedem Tag sein kleiner Tod.
Das Rot der Abendsonne schwingt.
Der singt in das Morgenrot,
wem da der Vogelschrei erklingt.
O die Liebe! - Unaussprechlich.
Wie geheim und würdevoll.
Allein, der Mensch ist so gebrechlich -
Nimmer würdigt er sie voll.





Jagd-Glück

Der Abglanz alles Schönen,
der stille Wille, liegt
geläutert in der Sonne;
der heiße Mittag biegt
die hohen Wipfelkronen,
gelinder Atem wiegt;
die kühlen Schatten spenden -
die heilge Unruh siegt.





Einschwingender Aufruhr

Neugier treibt die Wandrer an,
fremde Gegenden zu schaun;
stillt sich deren Unruh dann,
wird man sesshaft und will baun.
Wann sie friedet, weiß nur sie -
ihr bleibt es zu eigen;
manchen läßt die Unruh nie,
hält ihn ein ins Schweigen.





Die friedlichen Gefilde

Wie sich Sonn und Mond ergänzen
einsam in den stillen Gängen
hold in ewge Nacht erglänzen
maßvoll reichend an die Längen.

Wie die Götter treue blicken
in der Zeit, die uns gestundet
liebend uns die Zeichen schicken
die uns einzig schon umrundet.

Wie das Höchste sich verschwendet
hinterläßt die schönen Spuren
immerwährend Einlaß spendet
auf den goldumwobnen Fluren.





Die goldne Spur

Was wir geliebt,
geht nie verloren -
Anders kehrt es uns zurück.
Uns zum Heil
ist's auserkoren -
Zu singen uns

ein schweres Glück.





Die Schließe

O ihr guten, treuen Götter:
Niemals kehrt ihr das Gesicht!
Eingehüllter in die Schleier,
gegnetet ihr näher nicht!
Euer Fehl noch ist vollkommen,
das die Leere selbst nicht spricht.
O ihr guten, treuen Götter:
Ihr verlaßt uns immer nicht!

Innig folgt ihr den Gesetzen:
Anders wärt ihr nicht zum Heil!
Eingelassen in das Walten,
haltet ihr uns euern Teil!
Eure Welt ist auch gegeben,
unerlässlich euch zur Weil.
Innig folgt ihr den Gesetzen:
Ihr bezeugt uns unsern Teil!

Mögt ihr tausend Jahre scheiden:
Was gilt Göttern unsre Zeit?
Einmal kehrt die große Runde
ein in die Vollkommenheit!
Unser Volk mag untergehen,
Andre Völker sehn ins Weit.
Mögt ihr tausend Jahre scheiden:
Ihr verwahrt die Ewigkeit!





Die hohe Zeit

Festlich sich die Farben gänzen,
sanft gebändigt in das Grün,
leuchtend weit im Licht sie glänzen,
fern die wilden Schwäne ziehn,
einig stehn sie schlicht im Bunde,
einzig rein das Schwarze fehlt,
Frucht und Blüte gehn die Runde,
die den Winter nicht verhehlt.





Worte wie Blüten
sie quellen hervor
heimlich erlauscht
mit verhaltenem Ohr
Worte wie Blüten
sie reichen den Duft
hinauf in die Bläue
hinab in die Gruft





Am Steil-Hang

Auf ragt der Grat
schmal, am zackichten Rücken,
vom felsigen Grund -
schwindlicht das Auge
ins Hohe, ins Tief.





Das Ererbte

Die alten Namen singen
mir öffnend ins Gemüt;
geneute Zeichen bringen,
wohin das Herz nicht sieht.
Wie ist die Lust mein Wehe,
wie scheint mir Sonn und Mond,
wie ist es in der Nähe,
was fern von Allem thront.

Die alten Worte brechen
mir klingend in das Herz;
die mir die Liebe sprechen,
verlangen meinen Schmerz.
Wie ist die Mitte stille,
wie reicht die Seel mir nicht,
wie nah hüllt sich der Wille,
der strömt im dunklen Licht.





Verwahrnis

Nicht näher!
Geh mir weiter nicht!
Ich fürcht, daß mir vor Glücke
die arme Seele bricht.
Schon spür ich's.
Kaum will mein Herz noch schlagen.
Ich mein, Du müßtest wollen,
es weiterhin zu tragen!

O schone!
Laß mich dennoch nicht!
Ich weiß, Du birgst aus Liebe
in Schatten Dein Gesicht.
Erbarm Dich.
Verzögre meine Scheue.
Ich ahn, Dich liebt ich immer.
Geständnis meiner Treue!

Erfülle!
Bezähme meine Lust!
Ich fühl, es pocht zu stille
das Wilde meiner Brust.
O schweige!
Horch innig seelge Laute!
Ich denk, es rührt mich wehrlos
der kommende Vertraute!





In Bedrängnis

Höre die Gebete:
Nimm von mir die Lust!
Was hauchtest Du denn Götter
in schwache Menschenbrust.

Höre das Erflehte:
Nimm von mir die Glut!
Was warfest Du die Wogen
verebbend in die Flut.

Höre die Bekenntnis:
Nimm von mir das Wort!
Du schicktest Deine Pfeile
in unbedachten Ort.





Kehrende Enteignung

Dies kenn ich -
Schon damals wollt ich's wissen -
Lange Jahre hab ich's nachher
stille büßen müssen.
Dies kenn ich -
Schon einmal ging's mich an -
Blank die Nerven lagen offen
mir in Nächten dann.
Dies kenn ich -
Schon wieder holt's mich ein -
Sprachlos fügt sich meiner Neigung
kühne Schwäche ein.





Begabte Armut

Längsseits des Weges,
der vielfach befahren,
weilen in Demut
der Bettelleut Scharen,
voll innerer Würde,
verhaltener Blick,
stehen sie gerne
ein Fußbreit zurück,
immer bedürftig
der spärlichen Spende,
fangen die dankbar
geschicklichen Hände
reichlich verwundert
erstaunlichen Fund -
Woher er gekommen,
tat sich nicht kund,
doch reichen sie weiter,
still im Liebkosen,
die Sinne so heiter,
edle Almosen.