18. April 2009

Gesichte im Fels IX.



Der Anhauch

Jüngst traf - woher?
tödlich nah der Brust
erschütterlich
ein goldner Pfeil;
die Wange blich
mir hinterher
in schmerzgeweihter Lust.





Das Unantastbare

Sprachlos muß ich danken
den stillen Hub der Zeit -
gefestigter die Schranken
der eignen Blödigkeit.

Noch lassen sie mir offen
den äußersten Bezug -
doch will ich gründlich hoffen,
es dränge sie Vollzug.

Gespräche steigen sinnig
an Stufen, die gebaut
wiederholend innig -
Vom Hause dringt kein Laut.





Befreite Zeit

Im Flimmerlicht des Sommers
steigt - im heißen Mittag
aus wolkenlosem Himmel - herab,
sanft die Geschäftigkeit befehlend
in die Schatten hoher Bäume,
je und je der grüßende Schlaf.

Wie ein Laken übers Land
breitet ausgelassne Ruhe sich,
stillt den tiefen Vogelklang,
lautlos tanzt es um die Häupter,
vernehmlicher zirpt's im Grase,
und überall tönt wiegender Gesang.

Unsichtbar entströmt dem Grund
der Liebeshauch der Nacht,
innig im Gespräch, sammelnd
zum weiten Kreis des Dankes
empor, für kommende Gewitter,
die ihrer Spende schon erharrn.

Als stünde - auf der Mitte -
Alles, ausgeglichen: angehalten
die goldne Kinderwippe, eh -
vom losgelassnen Zügel - neu
der Schwung sich langsam regt,
und läßt die sorgenfreie Weil.





Vom großen Irrtum

Herz Jesu,
du fleischgewordnes Wort,
das einzig sich bekümmert
um brüderlichen Hort

Herz Jesu,
geliebtes Ebenbild,
dem einzig die Versöhnung
der zorngen Liebe gilt

Herz Jesu,
du ausgetragnes Leid,
das einzig unbedürftig
entblößt der Armut Zeit

Herz Jesu,
du Zeichen größter Huld,
das einzig sich verfügte
in stiftende Geduld

Herz Jesu,
du heilig Herd im Sohn,
dem einzig sich verschickte
der Wink an Vaters Thron





Das Verwahrte

Das in Sich-selbst Beruhende
- das rein Un-Bedürftige -
bedarf auch keines Opfers;
gütig aber nimmt es,
was es selbst gewährte.





Das Furchtbarste

Einmal wird es Einer blicken -
Tauschen möcht ich nicht:
Wer sich will ins Hellste schicken,
fügt, daß Hülle bricht.

Sehnsucht reißt ins unvermessne,
überdunkle Nahn
allzu liebend das Vergessne
in den stillsten Wahn.

Alles kehrt auf seine Weise
innig sich dem Andern zu:
Wem gelingt die weitste Reise,
steht dem schnellsten Schrecken zu.





Das Aufgegebene

Weile mit mir am Gestade
eingekreister Innigkeit,
über uns glänzt Eine Gnade
recht entlassner Künftigkeit.
Wo wir ruhen in der Bleibe,
wo wir bauen am Geschick,
wo wir pflegen heilgem Leibe -
da bleibt auch kein Gott zurück.

Wieviel Antlitz trägt die Erde?
Wieviel ist im schönen Tun?
Wieviel geht und bleibt im Werde?
Wieviel dunkle Samen ruhn?
Ob wir reichen ans Vergessne,
ob wir tragen heitre Mühn,
ob wir erben das Besessne -
daß läßt unsre Götter fliehn.





Parallelen

Jeder Mensch ein Universum -
Alles dreht sich dort um ihn:
Wundert's wen, wenn alle Götter
in ein andres Weltall ziehn?






Begegnung

Mein sind diese weiten Felder,
mir gehört die ganze Welt -
mir geschenkt aus lauter Liebe,
die es alle Zeit erhält.

Was ich fühle, was ich sehe,
alles dies, das ist nun mein -
und ich stimme herzlich wieder
in das schöne Leben ein.

Was ich fühle, was ich sehe,
was sich freudig in mir drängt,
jeder Schritt, den ich noch gehe -
der mich längst zuvor schon kennt.


Mein sind alle Menschenwesen,
mein der unerhörte Schatz -
Ja, - das Unheil kann genesen.
Ja, - für Alles gibt es Platz.

Was ich fühle, was ich kenne,
was die Gunst der Liebe schenkt,
stimmt die inneren Gesänge,
die den Ernst zur Armut drängt.

Was ich fühle, was ich kenne,
was ich innig in mir trag,
was ich immer eigen nenne -
dies ist nun mein neuer Tag.