18. April 2009

Gesichte im Fels VII.



Der Treuesten


Du meine Feindin, du Erwählte -
Schicksal hab ich dich genannt,
als ich dich erst suchte
überall im Land.
Widrig war dein Wille,
unbeugsam dein Arm;
so wuchs mir in der Stille
zu dein steter Harm.

Du meine Feindin, du Ersehnte -
Göttin hab ich dich genannt,
als ich unvermutet
dich am Abgrund fand.
Nervig war dein Rechten,
klagend deine Not;
wie ging mir in dem Schlechten
auf dein hartes Brot.

Du meine Feindin, du Geliebte -
Sprache hab ich dich genannt,
als ich dein Geheimnis
streitend in mir fand.
Sparsam deine Gesten,
selig in dem Ort,
wenn ferne von dem Nächsten
bleibt dein innig Wort.





Verhalten

Liebes Auge - weilst du noch
an der Erde dunkler Stille?
Hörest du von oben doch
immer anders drängend Wille.

Treues Auge - säumest du
deine Kriege im Genüge?
Wes Geheimnis schafft sich zu
im Verzögern schwerer Siege?





Den Meistern H.

So zu singen wie mein Meister -
das vermag ich nicht:
Der bespricht die Geister.
Dem gibt Finstres Licht.
Aus der Dunkelsten der Klüfte
holt er Grauses vor.
Schweigsam wie die Grüfte,
hell wie Engelchor.

So zu singen braucht ein Wollen -
das der Streit gebiert:
Dies erringt sich Sollen.
Daraus Lorbeer wird.
In der Leidenschaft der Scheue
hält er Irre aus.
Liebend hofft aufs Neue
er den Mensch nach Haus.





Jugend im Reifen

Was ist Sünde? hab ich dich gefragt
Der Dolch der Seele hast du mir gesagt
Gibt es Sünde? Gott ist tot
Dasein bleibt des Menschen Not
Ist die Sünde das Nicht-wissen?
Sie ist immer irren müssen
Welche Sünde ist die Schwerste?
Keine. Alle. Je die Erste.
Die, die vom Vergessen singt.
Die, die dich ins Andre zwingt.


Was ist Liebe? hab ich dich gefragt
Der Kampf der Seele hast du mir gesagt
Gibt es Liebe nur im Streit?
Dasein bleibt Zerissenheit
Ist die Liebe das Nicht-hassen?
Sie will Alles in sich fassen
Welche Liebe ist die Treuste?
Welt und Erde. Je die Scheuste.
Die, die dir das Einzge heißt.
Die, die dich ins Andre reißt.

Was ist Trauer? hab ich dich gefragt
Der Hort der Seele hast du mir gesagt
Gibt es Trauer ohne Wende?
Dasein bleibt des Menschen Ende
Ist die Trauer das Nicht-lachen?
Sie will Alles heiter machen
Welche Trauer ist die Größte?
Die des Kindes. Die Erlöste.
Die, die dir das Wunder raunt.
Die, die dich ins Andre staunt.





Die Unwiderstehliche

O du meine leichte Seele -
Wohin führst du mich?
Daß mir dort nicht Boden fehle!
Dieses wäre unsäglich.

O du meine schwere Seele -
Wohin ziehst du mich?
Daß mich dort der Blick nicht quäle!
Dieses wäre fürchterlich.

O du meine schwache Seele -
Wohin drängst du mich?
Daß ich mich dort nicht verfehle!
Dieses wäre unschicklich.

O du meine weise Seele -
Wohin zwingst du mich?
Daß ich dort find blaue Stähle!
Dieses hoff ich inniglich.





Selbst-Gespräch

Bist du mir gewogen?
Das hab ich mir gedacht.
Hast du mich betrogen?
Was hast du da gelacht?
Bist du mir zur Seite?
Wo solltest du auch hin.
Bist ja in dem Streite
meine Erzfeindin!

Bist du mir verschwiegen?
Das hast du fein gemacht.
Ist es auch gediegen?
Nicht einer schöpft Verdacht.
Bist du mir auch willig?
Wie solltest du auch sein?
Anders wärst du billig
nicht mein schöner Schrein!





Dem Erfolglosen

Allmächtig schienst Du mir -
Wo ist Dein Stachel, Tod?
Betroffen steh ich vor dem Wort,
daß Dir das Ende droht.

Schon sinkt Dir Deine Kraft -
Wo ist Dein Richtschwert, Tod?
Verschwebend in das reinste Nichts,
verläßt uns Deine Not.

Zwar bleibst Du uns gewiß -
Wo ist Dein Reichtum, Tod?
Die Quelle läßt den Freien ziehn,
der uferlos verroht.





Am kalten Gestade

Stiller schon, durchaus bescheiden,
setzt ich heut mich zu Gericht.
Mir zum Hohn betagt mein Leiden:
Worte sind's. Mehr ist mir nicht!

Was könnt ich sagen, was nicht jeder
besser für sich wüßte?
Was könnt ich tragen, was nicht jeder
selber für sich müßte?

Und doch! - Half nicht auch mir
so manches schon, allein - als Trost?
Und dann! - Wurd mir nicht hier
der schönste Lohn, was sonst - erbost?

Vielleicht, daß solche Herzen
reden müssen, wenn Gespräche fehlen.
Vielleicht, daß unsre Schmerzen
Spätre küssen, den's sie dann erzählen.

Jugend braucht's - zart und mächtig,
die weiter frägt ins Rund.
Opfer braucht's - recht verächtlich,
das heiter trägt den Grund.

Doch sieh dich um. Ach!
- Fehlte mir dies eine Auge!
O hätt ich eines noch dazu!
So sterb ich dumm.
Nichtahnend, ob's jemals tauge
zu einzig Volkes großer Ruh.

Schon grauen meine Schläfen.
So sehnend säumt die Zeit.
Endlich scheint mir Jetzt. -
Daß einstmals die sich träfen,
voll der Unsterblichkeit!
Hoffnung - stirbt zuletzt.





Die Tragfähige

Im jungen Grün die Birken stehn,
wenn Weiden lassen Kätzchen;
wie üppig schon die Buchse gehn,
und Fittich sucht sein Plätzchen.
Die deutsche Eiche hält ihr Blatt,
vertrocknet ihr im Winter;
als ob es was zu sagen hat,
verzögert's allem hinter!

Von unten wächst die Fichte kahl,
je höher sie will steigen;
so mancher Busch hat keine Wahl,
und weicht den stärkern Zweigen.
Die deutsche Eiche wächset kaum,
drum bleibt sie so gediegen;
Führwahr: Ihr gleicht kein andrer Baum
- Da gibt sie feste Stiegen!





Die Kelter

Wie stimmt es mich so sonderlich,
Wie steht es mir so nah:
Warum verzögern wir den Griff,
Liegt Schönes offen da?

Wie stimmt es mich so ruhigernst,
Wie facht es stille Glut:
Und ob ich's immer näher säh -
Wie dämpft es heißen Mut!

Wie stimmt es mich so mitleidig,
Wie geht's mir schwer hinein:
Und lockt die Traube noch so prall -
Erst Presse macht uns Wein!





Der Ring der Trauer

Wer wie ich je Eins nur liebt
Dem Rauschen seine Tage
Weil's ihm immer neu aufstiebt
Wenn kaum verhallt die Klage.

Wer wie ich nur Eines liebt
Dem tauscht's nur seine Plage
Wenn es immer neu sich gibt
Weil nie verstummt die Sage.





Manche Tage wird's nicht heller.
Dann erst faßt mich recht Passion:
So viel Liebe, so viel Schönheit,
und auch Frieden trank ich schon -
Aber schwer und schwerer tönt mir der Gesang.
Ach! Was will mein Untergang?

Tief und tiefer führn die Stufen.
Aber ohne rechten Schwung:
Trunken bin ich alle Tage,
doch mir fehlt Begeisterung -
Wie, zu mancher Zeit, ist doch ein Leben lang.
Sag! Was willst du, Untergang?

Immer mühsam, immer traurig.
Und die Labsal währt so kurz:
Hin und her in deinem Treiben,
unausweichlich ist der Sturz -
O wie mächtig, ach, bist du! Und mir ist bang.
Was verschweigst du, Untergang?

Blaues Leuchten möcht ich singen.
Und vom längsten Morgenrot:
Wie versperrt sich mir die Lippe,
und es würgt mich nackte Not -
Deine Beute bin ich! Wehrlos ist dein Fang.
Ach! Wann kommst du, Untergang?





An die Unerlöste

Lange wart ich, Diotima!
auf dein neubelebtes Bild.
Kurz sind unsre Lebensbahnen,
wenn's kein Enden stillt.
Lange wart ich, Diotima!
Schönes Leben, kehr zurück:
Nah bei mir kann ich dich ahnen.
Fern von dir fehlt mir das Glück.

Heißer brennt mir, Diotima!
ein Verborgenes das Haupt.
Dürstend in den Sommergluten
darbt mein Herz bald wie verstaubt.
Heißer brennt mir, Diotima!
meine Sehnsucht und Vision:
Einmal stürzen deine Fluten,
schönes Leben, dir vom Thron.

Lachen werd ich, Diotima!
überschäumend in der Brust.
Mich vergessen in Gewittern,
wenn der Blitz zuckt mir zur Lust.
Weinen werd ich, Diotima!
schönes Leben, Menschenglück!
Wie das Tier kann ich dich wittern:
Diotima kehrt zurück!





Ganzer Einsatz

Jenen großen Bogen spannen
zwischen Auf- und Untergang
in dem sich unsre Träume fangen
schlummern sie auch jahrelang
nichts verloren, nichts gewonnen
alles wie ein holdes Spiel -
Wär es nicht so tiefernst traurig
lachte ich unendlich viel.

Einmal eine Speiche haschen
aus dem Riesenrad der Zeit
und trunken eine volle Runde
drehen für die Seligkeit -
Schicksal will es, Knechte folgen
unverständig ihrem Herrn
wissen auch, schlägt er uns härter
hat er uns noch immer gern.





Unter Tage

Edle Einfalt ruht im Herzen,
birgt sich unter Weisheit Stein;
ächzend gräbt sich unter Schmerzen
tief der Mensch ins Erdreich ein.

Stille Größe wacht daneben,
wehrt sich jedem dreisten Sold;
dunkel gibt sich solchem Leben
schlichter Glanz vom warmen Gold.

Edle Einfalt - Stille Größe.
Wieviel zählt dir da noch Glück?
Mensch, bedecke deine Blöße:
Dorther kehrst du nie zurück!





(Der Seele)

Geheimnisvolle. Göttlich im Leiden noch.
Du Jenen fremde, die dich beneiden doch.
Wer, der von uns dich je empfehle,
Rätselte dich je zu Ende, Seele?

Kopfüber stürzt du, weil's dir immer wahr,
Verwegen trotzig, Leugnende! in die Gefahr.
Suchst, denen wir den Spielraum danken;
Unstet versuchst und weichst du den Schranken.

Umgrenzt auch, bleibst du, Flüchtige, Freie! wenn
Auch keiner hält dich willentlich. Liebst du denn
Nicht mehr als Alles für gewöhnlich
schmerzvoll Gestimmtheit, wenn überpersönlich?

Wem du dich zeigest, rauschen muß mir der Tag.
Wie ich dir staune, dir nichts mehr vermag -





Huldigung

Blau im Garten, recht weit vorne,
blühn im Beete Rittersporne.
Schöne Rosen muß ich missen -
will von Dornen nichts mehr wissen.
Traulich schmiegen sich Mimosen,
träumend von dem Duft der Rosen.





Tantalus

Jahre habe ich gerungen,
bis ich tiefer eingedrungen
in das Rätsel dieser Welt.
Härte mußte ich ertragen,
wollt's so oft den Meinen sagen:
Immer hab ich mich verstellt!
Einsam ruht es mir im Herzen -
Und wie hart ficht es mich an:
Jeder leide eigne Schmerzen.
Teilen läßt es sich nur dann.

Jahre habe ich geschwiegen,
Schwermut ist mir aufgestiegen
über aller Lebenslust.
Freude flieht mich allzu schnelle,
Eins vertritt dann diese Stelle:
Leben wollen heißt - du mußt!
Sehnsucht treibt mich in die Ferne -
bis ans Ufer unsrer Zeit:
Späte Götter rauben gerne
ihren Teil der Ewigkeit.





Die Kalt-Front

Selten brechen Sonnenstrahlen
durch den finstren Wolkenhauf;
gierig saugt die starre Seele
jeden allerletzten auf.
Wie die Stürme oben fegen,
stürmt und fegt es innen drin:
Eine Welt versinkt in Regen,
Überfluß ertränkt den Sinn.

Selten weiß ich Liebesgaben
zu ertragen diese Zeit;
meine Seele flieht die Menschen,
dürstet nach der Einsamkeit.
Wie ein Blatt, vom Ast gerissen,
fegt der Sturm mich vor sich hin:
Was verschlägt mir da das Wissen,
daß ich unter Blättern bin?





Der Krieger

Göttergleiche schöne Milde -
Warum erleichterst du mein Herz?
Wann bezähmst du mir das Wilde
Und entläßest mir den Scherz?
Einst, beim Schall der Kriegstrompete,
- Weither klomm ihr Wunderklang,
Stand bezaubert ich vor Lethe,
Ging an ihren Ufern lang.

Ach, wie steile Wände klüften
Sich schrecklichschön den Hang hinab!
Ach, wie hebt sie sich mit Düften
beständig aus dem tiefen Grab!
Allzuviele Winde stürmen
Entgegen mir auf rauher See,
Allzuhohe Berge türmen
Auf Gipfeln hier den ewgen Schnee.

Jahrlang steh ich im Gefechte,
Weit entfernt vom großen Sieg;
Manchmal ist's, als ob ich dächte,
Welchem Aufruhr es entstieg.
Müde bin ich alle Tage,
Doch es spannt mich die Gefahr,
Aufrecht hält mich in der Plage,
Daß der Feind so nahe war.

Einmal wieder Ruhe finden,
Auf sichrem Boden heimisch sein!
Einmal dann mit dem verbünden,
Des Geistes uns haucht Streitlust ein!
Selten Los ward mir beschieden,
Seit einst ich in die Fremde stieß,
Selten rühre ich an Frieden,
Seit einst ich alles Traute ließ.





Vom Ungestalten

Nicht alles Alte ist auch tief.
Wer mag zum Ursprung taugen?
Was immer dort im Abgrund schlief:
Es wacht mit tausend Augen!





Im Rausch der Fuge

Nichts. Noch dunkel. Noch immer Nacht.
Nichts. Die Straßen leer. Der Wind noch sacht.
Nichts. Kein Zeichen. Nicht ein Fanal.
Nichts. Auf meiner Stirn kein winzges Mal.
Keiner sah es, als ich sank -
Ich aus goldnem Becher trank.

Welt. Versunken. Wer stahl die Zeit?
Welt. Da sie mir fehlt. Jetzt Ewigkeit.
Welt. Genommen. Erst jetzt ganz wahr.
Welt. Gerettet hier in der Gefahr.
Ein und selber Augenblick -
nahm mir nichts und gab's zurück.





Die Spanne

Ist's Zeit? Ist's nicht?
Noch immer nicht die - Zeit?
Warten. Bis es aus der Hülle bricht.
Ist dürr. Ist breit.
Ist nah. Ist weit.

Ist's Traum? Ist's nicht?
Noch immer wie ein - Traum?
Lauschen. Bis die schöne Stille bricht.
Ist dünn. Ist kaum.
Ist Wort. Ist Raum.

Ist's mein? Ist's nicht?
Schon immer ist es - mein?
Eignen. Bis es innig ist und bricht.
Ist Ja. Ist Nein.
Ist Zeit. Ist Sein.





Geklärter Eindruck

Danken - Denken.
Alles liegt im ersten Blick -
Was in Liebe wir da schenken,
schenkt sich immer neu zurück.

Danken - Denken.
Alles gibt der erste Blick -
Was wir da in uns versenken,
läßt den längsten Riß zurück.

Nicht die dunklen, bösen Stunden
schlagen sich in uns hinein -
Alle lichten, offnen Wunden
prägen sich als Narben ein.

Alles Schwere ist vergessen,
wenn die frohe Stunde kehrt -
Wenn ein Wildes uns gemessen
schön im Innern widerfährt.





Vorzeitig

Immer auf dem stillen Flügel
wallt der Engel übers Land.
Das Jahr der Völker hat entschieden:
- Weiter bleibt er unerkannt.