18. April 2009

Gesichte im Fels VI.



Die Berufenen


Der Gott? - Ist jener Andere,
der am andern Ende steht,
woher uns duftig ahnend
ein Göttliches umweht.
Selber Abgrund tut ihm Not:
Wie wir ihm je verfallen,
ist unser Gott uns tot -
Unerlöst in eignen Hallen.

Der Gott? - Ist jener Andere,
der am andern Ende harrt,
woher uns nötig stimmend
das Gründige gespart.
Selbe Brücke schwingt sich auf:
Wie wir sie je begehen,
kommt unser Gott herauf -
Unsichtbar dem eignen Sehen.

Der Gott? - Ist jener Andere,
der am andern Ende sperrt,
woher uns mächtig gähnend
die Leere aufbegehrt.
Einzig Wesen gibt sich ein:
Wie wir es je erschweigen,
scheint unser Gott herein -
Unverhüllt im letzten Zeigen.





Der Vorgänger

Mit Andern mitgehn, fällt mir schwer.
Es mindert meinen Schwung.
Mir läuft noch Einer hinterher.
Der hindert mich am Sprung.





Aufriß der Geschichte

Im ersten Angang des Erstaunen,
daß die Welt uns ist,
will sich die Erfüllung zeigen,
die du selbst dir bist.

Im Weitergehen des Vernehmen,
daß die Erde schließt,
muß die Hülle dann verschweigen,
bis der Same sprießt.

Im ersten Aufgang des Entsetzen,
daß der Gott uns flieht,
reißen wir den Grund in Fetzen,
der bis da geschieht.





Die einigen Zwei

Die Langmut wandert andre Wege
als die Entschlossenheit:
Sie baut sich Brücken oder Stege
in großer Einsamkeit.
Entschlossenheit muß stürmen
im unterschiednen Blick.
Die Langmut muß da türmen,
zögert sich zurück.

Die Langmut wandelt andre Weisen
als die Entschlossenheit:
Sie traut sich an dem zähen leisen
Drang der Einzigkeit.
Entschlossenheit muß wagen
im forderndem Geschick.
Die Langmut muß entsagen,
untergehn am Glück.





Ungesagt II

Was ich euch schon immer sagen wollte -
das sag ich euch nur im Vertraun.
Wie ich euch bin, und was ich hoffe -
das ist so leicht nicht zu durchschaun.

Nicht, daß es uns an Gaben fehlte -
es ist nur schwerer, als ihr denkt.
So anders, als wir's uns erträumten -
selten nur wird es verschenkt:

Es ist Gemeinschaft nicht,
nur weil du auch hier bist:
Es braucht das Mehr,
das mitentschlossen ist.
Es ist Gemeinschaft nicht
nur einfach aus dem Wort:
Sie will uns ganz
bestimmen in den Ort.

Was ich euch schon immer sagen wollte -
es ist bis heut noch ungesagt.
Was ihr mir seid, und was ich fühle -
ich hab's bis jetzt noch nicht gewagt.

Nicht, daß es mir am Mute fehlte -
es ist nur schwerer, als ihr ahnt.
So einsam wie es sich ereignet -
so dunkel hat sich's angebahnt:

Es ist die Sprache nicht,
nur weil du in ihr bist:
Es brauch das Mehr,
das mitentschlossen ist.
Es ist die Sprache nicht
zugleich schon mit dem Wort:
Sie will uns ganz
bestimmen in den Ort.





Wi(e)derkehr

Unter Uns
weilt schon der Eine,
der das Opfer bringt;
der im Kampf
um das Gemeine
herben Kelch zur Neige trinkt.

Unter Uns
ist auch schon Jener,
der Uns bald verrät;
der im Wahn,
Sich-Selbstersehner,
endlich Wesen ganz verdreht.





Dem Stillsten

Der Du uns die Welt erschütterst
in den festen Gründen:
Uns bestimmend stürzt Du uns,
immer steigernd Not.

Der Du Dich im Schreck erzitterst
aus den offnen Schlünden:
Uns bezwingend fehlst Du uns,
immer weigernd Lot.

Der Du uns die Erde neidest
aus der eignen Würde:
Uns enteignend nimmst Du uns,
immer setzend Streit.

Der Du unsern Tod nicht leidest
in der hohen Bürde:
Uns gewendet fliehst Du uns,
immer stiftend Zeit.





Unser Kampf

O ihr Brüder! - Könnt ihr ahnen,
wie unaussprechlich schön wir sind?
Wie verschwiegen uns in Bahnen
jederzeit die Freiheit minnt?

O ihr Götter? - Könnt ihr wähnen,
wie unvergleichlich jetzt wir sind!
Wie gefährlich uns im Gähnen
jederzeit das Da beginnt!

O ihr Brüder! - Wollt ihr wissen,
wie unausweichlich Not sein muß?
Wie entsetzlich schmeckt der Bissen
allezeit dem Bruderkuß?

O ihr Brüder? - Wollt ihr messen,
wie unaustragbar Abgrund klafft!
Wie errungen aus Vergessen
allezeit das Eine schafft!

Dann, ihr Götter! - sollt ihr leben
in unversehrter Einzigkeit!
Dann, ihr Gründer! - müßt ihr beben
allseits da im Stoß der Zeit!





Wir Heutigen

Genießend schlürfen wir die Schale
der steten Wagnis aus,
trinken uns zu Göttern,
die nicht mehr Zuhaus.

Erlebend schleifen wir die Seele
dem schnellen Schrecken zu,
rauschen uns am Abgrund,
beuten niemals Ruh.

Verrohend schleppen wir die Leiber
der baren Willkür fort,
brechen in die Würde -
Tasten nie den Ort.





Die Ersten

Wächter sind Wir -
auf der Streife,
die dem Nichts entgegenharrn.
Wächter sind Wir -
daß einst reife,
was die Andern sich ersparn.
Selbstgenügsam ist das Leben,,
das der Wächter wachsam trägt;
zugewendet jenem Streben,
das sich immer selbst erfrägt.

Wächter sind Wir -
unbesehen,
die den Brüdern zugetan.
Wächter sind Wir -
Wir geschehen,
mitten in dem Einen Wahn.
Selbstvergessen ist das Eine,
das den Wächter nötig macht;
abgewendet jenem Scheine,
der ihn vorerst noch verlacht.

Wächter sind Wir -
unbenommen,
die die Not sich zugesellt.
Wächter sind Wir -
daß einst kommen,
die das Eine Wort behält.
Selbstverlässlich aus der Wende,
die der Wächter einsam wiegt;
einbehalten in das Ende,
das zuvorderst Allem liegt.





Mein Verlangen

Einmal rein zur Stille kehren,
erfahren, was sich gibt -
keinen Anfall mehr verwehren,
den das Stillste liebt.

Einmal rein im Stillen brechen,
erglühen, wie ein Licht -
keinen Anhalt mehr versprechen,
nur das stillste Nicht.

Einmal rein die Stille greifen,
erlangen, was sie zeugt -
keine Antwort mehr erstreifen,
die das Stillste beugt.

Einmal rein in Stille tauchen,
erschweigen, was sie zeigt -
keinen Anfang mehr gebrauchen,
wo sich Alles neigt.





Frühlings-Jubel

Wie ist uns Alles jetzt so schön,
im Andrang uns geheimnisvoll:
Dem Blick zu will ein Jedes stehn,
bezwingend hin er achten soll!

Wie geht uns Alles jetzt so nah,
verjüngt sich uns verheißungsvoll:
Das Herz weiß nicht, wie ihm geschah,
und wem wohin es danken soll!

Wie stimmt uns Alles jetzt so mild,
im Austrag nicht gefahrenvoll:
Doch Schönes bleibt im Herzen wild -
ein Abgrund ist es Zoll für Zoll!





Entzogene Mitte

langsam schleichend gähnt die Leere auf
in dem verlassnen Haus in der Luft ein
Hauch von Schwere Jener die nun bleiben
aus bilderlos die kalten Wände alle Fenster
blind gilbe Flecken sprechen Bände Jener
die gegangen sind ...

langsam schleiernd zieht Vergessen ein
in das verlassne Haus Würden die es
einst besessen zogen mit den Andern aus
sinnentfremdet stürzen Mauern keine Pforte
wehrt in Ruinen Schemen kauern Jener
die hier eingekehrt ...

mächlich langsam kriecht die Öde vor in
dem verlassnen Haus jammernd uns in jäher
Blöde folgend uns mit stillem Graus Nichts
mehr mag den Blick erreichen ganz erloschne
Spur deutunglslos verstummtes Zeichen
tote Hülle nur ...





Offnen Blickes

Eigentlich ist längst entschieden,
wer wir alle sind.
Einzeln nur, und je verschieden,
läßt die Welt den, der beginnt.

Eigentlich ist längst vernommen,
wo wir alle sind.
Nichtig nur kann das entkommen,
wem es jeweils schon zerrinnt.

Eigentlich ist längst verhänglich,
wie wir alle sind.
Einzig sind wir, untergänglich,
wie der Zufall uns gewinnt.





Die Entlaufenen

Abschied nehmen - je und je,
sich von Allem trennen:
Einmal nur die Wichtigkeit
des reinen Seins benennen.

Abschied geben - für und für,
keinen Halt mehr kennen:
Einmal nur den Untergang
des eignen Selbst errennen.

Abschied lassen - unentwegt,
überm Abgrund schweben:
Einmal alle Nichtigkeit
der Einzigkeit erleben!





Sagenhaft

Kaum zu glauben, wie verlässlich
sich der Reigen schließt,
wenn zuvor aus seinem Nabel
Einfall sich ergießt.

Kaum zu ahnen, wie vergeßlich
sich die Nabe gibt,
die zuvor im runden Ende
eignen Anfang liebt.

Kaum zu sagen, wie entschieden
uns die Mitte stimmt,
wie zuvor in ihre Freiheit
Einzig sie uns nimmt.





Weisen der Einberufung

O ihr Götter! - laßt euch rufen:
In die Eine große Not,
die den Scheidenden der Heimat
in der Fremde droht!

O ihr Götter! - laßt euch weichen:
Für die Eine große Not,
und entsendet uns ein Zeichen;
laßt uns ein Gebot!

O ihr Götter! - laßt euch stimmen:
Zu der Einen großen Not,
daß wir nicht alleine schwimmen;
daß wir stehn im Lot!

O ihr Götter! - laßt euch nieder:
Zu entsetzlich ist die Not!
Seht: Nun opfern wir euch wieder!
Nein! Ihr seid nicht tot!





Die Enthobenen

Rührend uns
mit leichtem Finger
uns die Milde stimmt
einwärts weisend
ins Verborgne
sie uns mit
sich nimmt.

Bergend uns
in sanfter Schwinge
uns die Langmut wiegt
einwärts kehrend
ins Versagte
sie uns still
besiegt.

Zögernd uns
in langer Sehnsucht
uns die Eignung trägt
einwärts haltend
ins Verbürgte
sie uns je
erwägt.





Vorsehung

Wißt - daß Eines euch erwartet
seit Anbeginn der Zeit,
das ihr euch erspartet
zur letzten Ewigkeit.

Wißt - daß Eines euch ersehnet
seit Anbeginn der Zeit,
das ihr nicht erwähnet
im Fort-Riß dieser Zeit.

Wißt - das Eines euch erfordert
seit Anbeginn der Zeit,
das euch herbeordert
zur eignen Wachsamkeit.

Ahnt - daß Einer euch verfehlet
seit Anbeginn der Zeit;
was ihr auch erzählet,
er fand euch nicht bereit.

Wißt - daß einmal euch verendet
die Eine Möglichkeit.
Wohin ihr euch da wendet,
verläßt euch eure Zeit.




Wachsende Aussichten

Schicksal jetzt ins Volk zu tragen,
scheint so wenig heldenhaft:
Wolkenkratzer hier entragen,
gegen die Geringes schafft.

Auszudauern ist ein Schweres,
wenn der Mensch nicht aufbegehrt.
Doch vorweg geht uns ein Hehres,
das die Sage nie verwehrt.

Uns - kann jederzeit beginnen,
was uns schicksalhaft bestimmt.
Uns - kann jederzeit gewinnen,
wann die Not uns zwingend nimmt.





Stiftung von Welt

Nichts ist -
als wir selbst erst stellen
in das uns gemäße Da.
Nur wenn wir
die Nacht erhellen,
scheint sie uns im Nah.

Nichts ist -
als wir selbst erst bringen
in das uns erschlossne Sein.
Nur wenn wir
uns Grund erschwingen,
stimmt uns Abgrund ein.

Nichts ist -
als wir selbst erdichten
in den uns gelassnen Ort.
Nur wenn wir
von dem berichten,
was uns fremdes Wort.





Stoß und Wille

Immer tiefer ins Vergessen
stößt uns hin ein Gott -
Wer von uns will je ermessen,
ob es ihm zum Spott?
Ob verborgen unserm Leiden
einig er schon bei uns lebt?
Wer von uns will je entscheiden,
was die hohe Stirne webt?

Immer schwerer aus Vergessen
stößt uns zu der Gott -
Wer von uns mag je ermessen,
wie das letzte Schott?
Ob herab aus seinen Höhen
einig zwischen uns er wohnt?
Wer von uns kann je ersehen,
wie vermögend er uns schont?

Immer stiller uns entrollen
jene Stöße zu -
Wer von uns kann immer wollen
eigne letzte Ruh?
Wenn verstummt in innrer Mitte
Einzigkeit sich selber trägt?
Wer von uns entspricht der Bitte,
die das Unentwegt bewegt?





Armut

Bedürftig sind wir allezeit,
kaum, daß wir entwöhnt:
Vor uns liegt ein Weg bereit,
der uns nie versöhnt.

Bedürftig sind wir unentwegt,
kaum, daß wir's gewohnt:
In uns drängend Eines regt,
das Dazwischen lohnt.

Bedürftig sind wir immerzu,
kaum, daß wir's gestillt:
Uns voran geht eine Ruh,
die uns letztlich willt.





Der Ansiedler
( Segen der Erde)

Hin und her auf schmalen Pfaden,
Die vor ihm noch unerkannt,
Nur mit Nötigstem beladen,
Zieht ein Mann durch wildes Land.
Ringsumher erspäht das Auge,
Prüft sein Blick das weite Tal;
Wie der Boden irgend tauge,
Langt die Hand hinein zumal.

Hin und her zu grüßend Stätten
Führt der Schritt den Mann zurück;
Da, bedingt von vielen Ketten,
Schließt er ab sich im Geschick:
Hier erspringen sich die Gaben!
Hier erscheint ihm Alles wohl -
Dies hier soll die Mitte haben!
Dies hier wird sein Ruhepol.

Hin und her an vielen Tagen
Gilt jetzt Arbeit immerzu:
Vieles heißt ihm, Neues wagen;
Niemals gibt sich irgend Ruh. -
Jenen ersten Ort zu finden,
War das Schwerste anfänglich.
Seine Heimat dort zu gründen,
Bleibt er dauernd anhänglich.

Hin und her in seiner Halde
Stößt den Raum er in Vedichtung,
Rodet Bäume nahen Waldes:
Öffnet weit die freie Lichtung.
Sorgsam bricht er dann den Acker,
Furcht den Boden, säht das Korn,
läuft mit Wettern immer wacker:
Schaffend füllt sich ihm das Horn.





Was bleibt

Niemals denken wir das Selbe,
so weit wir auch hin kommen:
Einzig sind wir - du und ich.
So wird's uns genommen.

Niemals fühlen wir das Selbe,
so nah wir uns auch kommen:
Einzeln sind wir - du und ich.
Im Grab ist's uns genommen.





Inzwischen

Mit Gesange gehn die Dichter
Aus der Wiege unsrer Zeit.
Mit Gesange kehrn sie lichter
Wieder in die Dunkelheit.
Allumfassend reicht dem Ende
Zu der Anfang Hände.

Mit den Göttern stehn die Dichter
Weit hinaus in unsre Zeit.
Ohne sie kehrn die Verzichter
Wieder in die Heiligkeit.
Allumstoßend kommt dem Ende
Zu des Anfangs Wende.

Mit den Völkern sparn die Dichter
Die Vollendung unsrer Zeit.
Mit den Völkern kehrn sie schlichter
Wieder in die Sagbarkeit.
Allumsorgend stößt dem Ende
Zu des Anfangs Spende.





Gefährliches Gut

Was wollt ihr noch?
Ihr habt doch alles?
Im Verfug des Falles
Habt ihr Freiheit,
Habt ihr Macht -
Und doch: Gebt acht!
Daß euch nicht die Leere
Überfalle in der Nacht.
- Nichts ist!
Das ist Euer!
Alles Andre teuer.





Bereitung des Feldes

Inzwischen können wir nur warten, bis
Einmalig Einig weilt der schöne Genius
im Volke.
Getrennter denn immerschon grüßen die Hirten
einander einsam von den höchsten Gipfeln
der Berge.
Nicht säumig, Ausschau haltend, ob
wohl Einer ihnen entgegenklimme
in der Ödnis.
Kostbar sind gemeinsame Tage. Kaum
zu erwägen, die seltnen. Wie aber erst die
ganze Erfüllung?
Wer wünschte nicht, dabei zu sein? -
Noch harrt sie aus, und kommt vielleicht
gar nie.
Genug, wenn wir sie nur ahnen, diese
goldnen Tage! Jedem das Seinige. Geht doch
nichts verloren als ein ungewisser Traum.
Und ist köstlich auch
ein Hirtenleben!