Die schönen Toten
Tausend Tote um mich werden
immer toter Tag für Tag.
Endlos zieht die Zahl der Herden
in dem schön umgrünten Hag.
Schmerzlos darben sie ihr Ende,
unvereinbar kargem Sinn.
Nirgends her kehrt neue Wende
sie zu erstem Anbeginn.
Tausend Tote um mich werben
immer härter Tag für Tag.
Ewig singt die Zier im Sterben
nur von allem, was ich mag.
Notvoll rühren mich die Herzen,
unverkennbar meinem Sinn.
Im Verlöschen aller Kerzen
birgt die Nacht mir, wer ich bin.
Die Unverfügbaren
Nicht mehr schmeckt mir irgend Brot.
Wie im Wein mir duftet Not.
Meinem Blick entweicht die Stelle.
Ebend ist des Klanges Helle.
Einig düstert sich der Ort -
So nun tast ich nach dem Wort.
Die Gestillte
Unscheinbar entsteigt die Quelle;
leise murmelnd dringt sie vor;
schließt sich selbstgenügsam weise
auf ihr stillverborgnes Tor. -
Herrlich dröhnt der Strom im Falle;
lauthals lachend bricht er sich;
kaum ertönt in weiter Halle
nach Beginnen ursprünglich.
Kindlicher Kehrreim
Über Allem aber waltet
traulich einig EIN Gesetz.
Und es muß, was ungestaltet,
schließlich fangen sich im Netz.
Über Allem traulich scheinen,
die sich herzlich einig sind.
Und so lichtet sich im Einen
Alles für ein schönes Kind.
Über Allem immer gehen
Winde hin und Winde her.
Und wie Blätter, die verwehen,
laufen Bilder hinterher.
Die Kinder des Meeres
Lautlos wallen Nebelschemen
weit entzündet übers Meer;
lachend singen Nymphenkinder
ihrem Urgrund hinterher.
Auf den Kämmen schmaler Wellen
weben sie ein fein Gespinst;
bis herauf aus seiner Tiefe
lieblich schön das Untier grinst.
Necken es mit Sonnenstrahlen,
die ein Fischschwarm fängt;
winden grüne Algenkränze,
die es scheu empfängt.
Kleiner Pferde zarte Rücken
tragen sie zurück ins Nest,
als herab aus hoher Quelle
offner Himmel Bläue läßt.
Nomen omen est?
In der Obhut ihres Schäfers,
der den Engeln anverwandt,
wandelt sich der Traum des Schläfers:
Klimmt die Schaumgeborne Land?
Freie Form verlangt die Gabe;
mitternächtlich ihr Gesicht;
unerlässlich ist Gehabe,
wie ihr Wille Felsen sticht.
Schwer ist's heute, im Vertrauen
einzuhauchen neuen Sinn.
Schwer wird's künftig, weiterbauen
an dem einen Wort: Ich bin.
Absicht
Nichts und Eines -
Einig Wesen;
daran soll
das Herz genesen.
In der Helle dunklen Schein
bricht das Offene herein.
Zu-Eignung
Nun ich dich gefunden
in des Meisters reinem Wort -
heilige Bestimmung!
da du mich gerufen,
bring ich meine Stunden
heim zu deinem Ort;
zu dienen dir tagein, tagaus;
keinen Kampf zu scheuen;
zu bauen dir ein neues Haus,
dir - und allen deinen Treuen.
Das Genüge
Mein Reich ist nicht
von dieser Welt -
weil sie mir entstellt.
Mein Reich gründet
diese Erde -
nicht machsam sie mir werde.
Mein Reich kommt mir erst entgegen -
anfänglich auf Wegen,
die vom Ereignis sprechen,
und einzig Herrschaft brechen.
Die Not der Nötigung
Lieblich-schwere Sorgen singen
uns beseligend das Haupt;
die in jenm Abstand schwingen,
der das Mächtige erraubt.
Leidlich-stolze Nöte ringen
sich verweigernd in das Herz;
die uns jene Kreuzung bringen,
die verstattet großen Schmerz.
Zögernd-stille Schritte klingen
uns vereinsamend im Ort;
da - von seinen Grenzen springen
uns entgegen Heim und Wort!
Das Zurück im Vor
So es eine Wahrheit gibt
- kann ich sie erlangen.
Eines bleibt: Daß sie uns liebt!
- Das unsre: Sie verlangen.
Aber wie? bleibt eine Frage.
- Nie erzwingt sie das Gemächte.
Daß ich sie ins Stille trage,
scheint mir bald das Rechte.
Frohes Nahen
Aus himmlisch weiten Fernen
gibst du dich herab,
glänzest mit den Sternen
herein ins dunkle Grab.
Mit himmlischen Gewalten
segnest du die Stund,
lockest die Gestalten
heraus ins Erdenrund.
In himmlisch hoher Nähe,
da erscheinst du mir,
daß ich dort dich sähe -
erheb ich mich zu dir.
Austrag der Freiheit
Daß wir ein Geheimnis sind
- daß wir's bleiben müssen:
Das in unserm Schweigen klingt.
Das schwingt uns ins Küssen.
Daß wir ein Entferntes sind
- daß wir nähern müssen:
Das in unsern Herzen singt.
Das ist unser Wissen.
Daß wir ein Geschicktes sind
- daß wir es nicht müssen:
Das uns in den Abgrund zwingt.
Dem wir nie entrissen.
Fügsam
Dichten muß ich
immer wieder -
ohne jeden Zweck;
allzu harmlos
sind die Lieder,
allzu groß das Leck.
Dichten muß ich
immer Gleiches -
aus demselben Wort;
Eingefangene
des Reiches
in den einen Ort.
Dichten muß ich
wiederkehrend -
aus dem einen Grund;
jenes Fügen
doch entbehrend,
das entscheidet Kund.
Ereignis
Nie kann ich vergessen
den jähen Blitz der Nacht,
als ich wie versessen
rang um höhre Macht.
Klüfte brachen gähnend
überm Abgrund auf.
- Noch bau ich unterdessen
an Stegen obenauf.
Gewahrend seine Tiefe,
erstarrte mir das Herz:
da tat's, als ob es schliefe
- tat es nicht zum Scherz.
Stille säuselt wiegend
aus dem Abgrund vor;
leise steigend siegend
dringt es mir ans Ohr.
Enteignung
Ordnung bringen
ins Gedränge -
das den Abgrund sperrt:
Chaos singen
ins Gepränge -
das den Abgrund währt.
Die Geschlechter der Gründung
Mit kühnem Schritt nach vorne schnellt
im Ausmaß der Gefahr
der Mann, der kühlen Kopf behält,
doch heißen Blutes wahr.
Im stillen Stoß das Eine schließt
im Austrag der Gefahr
die Frau, der das Geheimnis sprießt,
das ihr gegeben war.
Vom Dreifaltig-Einen
O du allentbergende
himmlische schöne Not!
Wo den Kindern dieser Erde
alles kehrend droht.
O du allesbergender
still verschwiegner Grund!
Wo den Kindern dieser Erde
öffnet sich die Stund.
O du allverbergendes
Ereignis in das Sein!
Wo den Kindern dieser Erde
sparest Du das Dein.
Grat-Wanderung
Steigend in den Bergen:
Ausblick sich verlohnt.
Sammelnd in die Stille -
Reine Größe thront.
Gipfelnd über Worte:
Weitend sich zum All.
Schwindelnd in die Sehnsucht -
Mensch im freien Fall.
Die Versprochenen
Zweie, die sich wiederfinden,
weil sie sich erkannt;
die nur immer fester binden
das, was sie gebannt.
Zweie, die Genüge finden
in dem einen Bund;
die sich neue Kränze winden,
jedens eigner Fund.
Zweie sich entgegenfinden
in dem einen Schwur;
nie in ihm die Kräfte schwinden,
gibt sich Eines nur.
Fehlende Winke
Keine Engel mehr vermitteln
schonend uns Gebot. -
Den wir fortan nicht betiteln,
starb für uns den Tod.
Keine Zeichen mehr vermelden
uns die größte Not. -
Nun verkümmern uns die Helden
ehrlos in den Tod.
Keine Werke uns vermerken,
was von vorne droht. -
So versickern unsre Stärken
wortlos in den Tod.
Ort der Entscheidung
Zwischen steilen Felsenhängen
ragt die Kluft herauf;
nah aus seinen Fernen drängen
fremde Stimmen auf.
Aus dem Abgrund in die Helle
tönt der Weltenklang;
hebt sich vor an dieser Stelle
- meldend hohen Rang.
Der einstimmende Grund
In die längste Nacht geborgen
lichtlos stille Glut verglimmt;
Einer ist, es zu versorgen,
der die Asche von ihr nimmt.
Einfach zündet letzter Funken
einzig wieder Feuer an;
Grenzen zögern flammentrunken
unterdessen Raum heran.
Seines Herdes innre Mitte
faßt inzwischen starres Erz:
Anfänglich geheime Sitte
schmiedet ein durchglühtes Herz.
Der unscheinbare Halt
Zwischen Auf- und Untergang
perlt die Zeit gespannt entlang;
jede Perle sondergleichen
will die eine Zier erreichen:
wie, von stiller Glut umkränzt,
sie als Schönste aller glänzt -
hakend sich in den Verschluß,
der sie öffnend halten muß.
Wem aber?
Gerne würde ich verschenken,
was mir Gutes ward -
doch mein Reichtum liegt im Denken,
das euch noch erspart.
Gerne würde ich verprassen,
was mir reichlich ward -
doch die Fülle schleicht durch Gassen,
die ihr nicht befahrt.
Gerne würde ich vermachen,
was mir Einzig ward -
doch die Sprache stillt ein Lachen,
das euch noch erharrt.
Der Liebes-Trunk
Gut ist, zu vergessen,
wer wir letzlich sind:
Wir staunten unvermessen
betrunken wie ein Kind.
Gut ist, zu vergessen,
woher wir jeweils sind:
Wir schreckten wie besessen
unleidlich wie ein Kind.
Gut ist, zu vergessen
den Grund, der uns benimmt:
Er nötigt unterdessen
die Herrschaft an sein Kind.
Der Austrag
Langmut langt ins Ferne,
nähert es heran -
Gleichfalls wüßt ich gerne,
was sich da ersprang?
- Im Verhalt der Nähe
fernt es weigernd hier.
O, daß ich einstmals sähe,
wer da kämpft mit mir!
Die Geretteten
Eine Nacht - ward uns gesungen -
Einer mit dem Engel rang,
Der, als Fremder eingedrungen,
Ihn zu einem Kampf verzwang.
Durch die Nacht hat er getragen
Jenen Streit zum andern Tag.
Endlich konnte er es wagen:
Daß er sich ihm zeigen mag!
Die schwingende Wiege
Einsamkeit hat mich erzogen -
wo ich Stille fand:
Jedem Baum war ich gewogen.
Jedem weht sein eignes Band.
Einsamkeit blieb mir erhalten -
wo ich Liebe fand:
Jeder Kuß entläßt Gestalten.
Jedem währt ein eignes Pfand.
Einsamkeit wird mich empfangen -
wo ich je schon bin:
Jeder Schritt, den ich gegangen.
Näher führt er zu ihr hin.
Einsamkeit wird mich umhüllen -
wo sie rein erklingt:
Jeden Ton wird sie erfüllen.
Bis sie eigens sich ersingt.
Vorher-Sage
Ein Herz verwandelt nie sein Wesen.
Es bleibt sich immer gleich.
Doch will es einmal recht genesen,
so wandert's immer heim ins Reich.
