18. April 2009

Gesichte im Fels IV. - Morgentau



Die Schule


Ich hab gelernt, mit euch zu leben;
mit eurem Haß, dem Neid, dem Groll.
Ich hab gelernt, daß euer Streben
mir nur zur Einsicht helfen soll:
Daß ich auf eignen Füßen steh,
gelingt das Gehen noch so schwer.
Daß ich mit eignen Augen seh,
gefällt es mir auch nicht so sehr.

Ich hab gelernt, euch zu vergeben;
so grausam ist kein einzges Tier.
Ich hab gelernt, man müsse geben;
nun geb ich's euch, - verzeiht es mir.
Ich hab gelernt, mich zu verstecken;
vor eurer Milde, Güte, eurem Schein.
Ich hab gelernt: Lieber verrecken,
als einer unter euch zu sein.






Trauerlied

Dies bißchen Einsicht,
das mich weiser machte ...
Dies bißchen Fülle,
das mich zu sich lachte ...
Was hat es mir gegeben ? -
Mein Herz liegt wund vom langen Leben.

Zu Vieles wurde ihm genommen.
Zu viel muß gehen, wie es hergekommen.
Und wofür dies ganze Streben? -
Mein Herz ist müd vom vielen Leben.

Und in den dunklen Stunden,
die mein Herz gemessen,
da wollte ich gesunden -
doch schlief ich unterdessen.
Und in den dunklen Stunden,
die mein Herz besessen,
da hat es was gefunden -
doch dann hab ich's vergessen.

Wo geht des Nachts die Sonne hin?
Nach tiefem Schlaf steht mir der Sinn ...
Will doch lieben, will doch lachen -
will nicht schlafen, will doch wachen!





Das Zwiegespräch
( oder: Die Advokaten)

" Ahriman, erzähle mir:
Wie hast Du's gemacht?
Ahriman, ich staune nur:
Du hast's weit gebracht!
Die einst mir die Meinen waren,
folgen Dir nun groß an Scharen.
Alle ziehst Du übers Leder. -
Sag, Ahriman - Was ist dein Köder?"

"Weiser Herr -
da ist kein Trick!
Weiser Herr -
das ist Geschick!
Niemand habe ich betrogen.
Keinen hab ich angelogen.
Jedem gab ich, was er wollte -
dafür seinen Dank er zollte!"

"Ahriman, das kann nicht sein!
Wie ist dir's gelungen?
Ahriman, ich ahne es:
Du sprachst mit Engelszungen!
Gewiß hast du versprochen.
Draufhin dein Wort gebrochen.
Nicht kann es anders sein!
Sag, Ahriman - Was fiel dir ein?"

"Weiser Herr -
da war kein Schwur!
Weiser Herr -
nicht eine Spur!
Ich ließ sie frei entscheiden.
Das mochten sie wohl leiden.
Ich selbst - gab nichts dazu.
Denn die Gebote - die gabst Du!"

"Ahriman, Du Teufelskerl!
Nicht konnt es anders sein.
Ahriman, ich wußt es doch:
Das schaffst Du nicht allein!"





Der Verlust

Als Du verschwandest in die Nacht
hat schweren Regen uns der Wind gebracht;
aller Himmel blieb verhangen,
seitdem Du fortgegangen. -
Meine Seele wälzt den Stein.
Kein Lichtstrahl fällt ins Dunkel ein.

Als in den ersten, langen Tagen
noch der Hoffnungsfunken mich getragen,
ließ mich jeder Laut erschauern -
doch mein Hoffen fiel ins Trauern,
wie die Raupe puppt in Stunden,
als Du nirgendwo gefunden.





Die Stimmen im Wind

Am Wege steht ein Baum;
man achtet ihn kaum.
Dahinein rauscht der Wind;
liebt sein Spiel wie ein Kind.
Im Rascheln und Knistern
ein Tuscheln und Wispern,
das dich seltsam berührt
und zum Lauschen verführt.





Walzer des Lebens

Wir kommen und gehen,
würden so gerne bleiben,
und müssen doch immer
mit dem Strom weitertreiben.
Wir sind kurz vor dem Sprung,
doch noch harren wir aus,
und sind immer am Ziel,
aber niemals Zuhaus.





Im Schein der Kerze

"So viel hab ich schon versucht ..."
flüstert eine Stimme voller Traurigkeit.
Im Dunkel ahn ich vage ihre Züge,
und den Umriß der Gestalt:
Einsamkeit umhüllt sie,
wie ein dichtes, wollnes Kleid.
Und dann höre ich sie sagen:
"Ich verzweifle bald ..."

Mitleid rührt sich heftig,
packt mich heiß in meinem Herzen.
Ich entzünde hurtig eine Kerze,
meinem Gast ein Licht;
und erschauernd wahr ich nun
die Zeichen ihrer Schmerzen:
In tiefen Furchen eingegraben
durchziehn sie ihr Gesicht.

Und ich bitt sie, mehr
von sich mir zu erzählen;
woher sie komme,
und wohin sie gehen will?
Doch nur, wenn meine Fragen
sie nicht noch weiter quälen -
Und leise seufzt sie auf,
und schweigt erst lange still.

Zögernd fängt sie an zu sprechen:
"Seit Anbeginn der Zeit
reis ich durch die ganze Welt,
bin allerorts bekannt.
Mit Rosen auf dem Haupte,
Köcher und ein Bogen mir als Kleid:
Ich bin die Liebe.
- So werde ich genannt.

Einst hieß ich Eros,
war begabt mit Flügeln der Magie;
treffsicher war mir
in der Jugend meine Hand.
Sein Ziel, das fehlte
ein Geschoß von mir noch nie;
lebendig Herzen zu entflammen,
durchstreifte ich das Land.

Kein Mensch und auch kein Gott
vermochte sich zu wehren,
wenn erst mein Pfeil
ihn unversehens traf;
und ich entzündete
Verlangen und Begehren
all jedweden Lebens
noch in seinem tiefsten Schlaf. -

Und nun - nun spür ich langsam
meine Kräfte schwinden.
Gestern erst, da schickten sie mich
in das Land der Phantasie.
Ein Mythos? - Gut,
das kann ich noch verwinden!
Doch heute sprach man mir
von Bio-Gen-Technologie! -

Es siegt ein starker Gott,
der nennt sich selbst: Der Wille.
Meine Geliebte - die schöne Psyche -
sezieren sie schon ohne Scheu.
Und bald ersetzen sie mich
mit einer bloßen Pille.
Alle ziehn sie fort zu ihm,
kaum einer bleibt mir treu.

Nun weiß ich nicht mehr weiter -
und ich verzweifle bald ..."
hör ich die Liebe traurig sagen,
als ihre Stimme leise bricht.
Und Einsamkeit umhüllt
in dichten Schleiern die Gestalt.
Ich lad sie ein, bei mir zu weilen,
und zünde meinem Gast ein Licht.





Die Ballade vom Schwan

Sanft wallt der Nebel, und ruhig fließt
der Strom; folgt seinem vorgegebnen Lauf;
frühe Morgensonne Dämmrung gießt;
stolz zieht ein Schwan den Fluß hinauf.
Vorbei am satten Grün von Wiese, Busch und Baum;
ein Engel Gottes, der im Wasser schwimmt,
folgt er den sanften Biegungen am Ufersaum;
nur immer weiter; sein Ziel ist unbestimmt.

Dieweil der Strom nun einen weiten Bogen macht,
zeigt sich bald ein Bild, wie ein Idyll:
ein kleines Dorf in märchenhafter Pracht
schmiegt sich ans eine Ufer, gar vertraut und still. -
Der Vogel zieht bedächtig weite Kreise;
er ist geschwächt und fühlt die Hungersnot.
Bald schon verzichtet er auf Weiterreise;
und sättigt sich an einem Bissen Brot.

Ein freundlicher Bewohner war', aus diesem kleinen Ort,
der Tags zuvor es in die Böschung warf.
Als Gruß für einen Fremdling lag's nun dort;
für Einen, dem's an Stärkung wohl bedarf.
Verschwiegen dankbar nimmt der Schwan die Gabe an;
derweil ergreifen kleine Hände zielstrebig einen Stein;
und unbekümmert tritt ein Kind an ihn heran,
legt in einen Wurf all seine Kraft hinein. -

Der Schwan zieht wieder ruhig seine Kreise;
er gibt von sich nicht einen einzgen Laut;
entfernt sich, unbeeindruckt, nur kraftvoll leise,
als sei ihm dies Ereignis altvertraut.
Er schenkt dem Kind am Ufer keinerlei Beachtung;
gleitet weiter, folgt dem Strom am Saum;
mir scheint, sein Antlitz spiegele Verachtung,
und ahne, tief in mir zerbricht ein Traum.





Das ausfahrende Herz

Ein Herz, das unerkannt
und das verborgen,
sich darnach sehnte nur,
sich immer zu verschenken,
das zog's hinaus ins weite Land -
um Spott zu ernten, und Bedenken.

Ein Herz, das übervoll
an schönen Gaben,
ein selten Herz - das
ging auf eine Reise;
das lag sich in der Fremde wund;
ward flügellahm - nun blutet's leise.