Eingeständnis
Niemand kennt mich, o mein Bruder,
so wie Du! in einem fort.
Niemand sehnt sich, o mein Bruder,
so wie wir! nach einem Wort. -
Wenn dein traulich Rat mich lenket
in das eigne Schweigen ein,
wo die Stille sich verschenket
in die tiefste Scheu hinein -
da erspür ich jene Bande,
die das Schicksal um uns schlug:
Der die Not im Vaterlande -
Die, die deine Not ertrug.
Wie erkannt ich mein Gemüte
in dir toben, Bruder mein!
Und welch Segen ob der Güte:
Es dürfe, solle, müsse sein!
Und so mag ich also fühlen,
was mir angeboren kam;
darf in allem Schweren wühlen,
denn der Bruder ist's nicht gram!
Andacht
Solang ich schon auf Erden,
ward jedem Tag sein Fest;
im Harren auf das Werden
verging der schale Rest.
Im Horchen auf die Worte
erfand ich jenen Raum,
der endend in dem Orte,
der Anderm nur als Traum.
So gib, daß ich erhalte,
das, wie ich hierher kam,
auf daß ich nicht erkalte,
auf daß ich nicht erlahm.
An die Freunde
So segne Du das Fest mir,
das jeden Tag mir ward -
und bleibet als die Gäst hier,
die ihr mir freundlich wart!
Erinnerung
Der guten Tage viel besessen,
Wo der Himmel weit sich senket.
Im Garten saß ich, unterdessen
Heimlich rund das Jahr sich schenket.
Der guten Tage viel genossen,
Wo die Lichter stille handeln.
Zahllos schöne Blumen sprossen,
Lange Treu im Sichverwandeln.
Der guten Tage viel Gedenken,
Wo das Schicksal sich verliebt -
Wo heiliger die Mächte lenken
In Allem, was sich innig gibt.
Ernte-Dank
Nun sich die Sonne ausgebreitet,
als höchster Schwung im steten Lauf,
wird Uns der Erde Fest bereitet,
mit himmlisch Gabe obenauf.
Dies Uns zum Trost für jene Zeiten,
die im starren Kleide kommen.
Es soll als Zehrung Uns begleiten,
wo innig Reifen Uns genommen.
Vom langen Anfang
Milde Lüfte taun den Boden,
der soeben noch erstarrt
und bedeckt von tausend Toden
die Beseelung schon erharrt.
Sorgsam furcht ein Mann den Graben,
bis ein Rinnsal abwärts fließt,
und der Überfluß an Gaben
sich in größre Wässer gießt.
In der Furche läßt die Erde,
was vom Vielen sie nicht faßt,
daß es nicht Verhängnis werde,
nicht der Wurzel Todeslast.
Wie der Boden so bereitet
und die frühe Sonne bricht,
warm erglänzend da entgleiten
ihm der Krokus' Angesicht.
Hold und lieblich, erste Boten,
weithin leuchtend langt ihr Schein:
auferstanden von den Toten
Anbeginn des glücklich Sein.
Hell erklingt gemeiner Jubel,
freudig Sammlung zu der Feier,
allbeherrschend stimmt der Trubel,
Sänger greifen gleich die Leier. -
Unscheinbar und ganz verborgen
senkt ein zartes Kind sein Haupt,
schließt sich stille jedem Sorgen,
als der Blüte es beraubt.
Dort am Rande, unterm Schneehe,
weilte schon ein volles Glück;
zog, damit es niemand sehe,
aller Buntheit sich zurück.
Weiße Glöckchen schlichte schwangen,
nur dem Efeu zugesellt,
als die Tage noch verhangen,
wo der Anblick sich verstellt.
Niemand achtet dieser Kleinen,
wenn die Sonne selig lacht,
die wie Engel hier erscheinen,
einsam in der heilgen Nacht.
Das Gemächte II
Nichts und Alles
Einig walten -
All's gegeben,
Nichts erhalten.
Vorsatz
Und dem Dichter treu zur Seite
steht der Priester zum Behuf;
Jeder jenen stets begleite,
beide dienstbar eignem Ruf.
Diesem ist Gesang gegeben,
der die Allmacht eben läßt;
Jener ist dem täglich Leben
Würdenträger für das Fest.
Hymne ist das Wort des Einen,
hebt das Innerste ins Sein;
hütend ist sein einsam Meinen,
Sinn entbergend allem Schein.
Brauchtum üben ist die Sitte,
die des Andern dringend harrt;
reif an Armut kommt die Bitte,
daß der Segen sich nicht spart.
Aus dem Volke - doch enthoben -
füllen beide ihren Ort.
Jedes will das Eine loben,
Ehrfurcht spenden in das Wort.
( Nachsatz:
... und dem Dichter scheu zur Seite
folgt die Jungfer hinterher,
daß er sorgsam sie geleite -
Wie, wenn sie der Priester wär? )
Das Höchste
Ein Augenblick der Helle
und schon ist's wieder grau
nirgends trägt die Schwelle
keiner trifft's genau
als das verschwiegne Ahnen
das immer wieder kehrt
auf fest gefügten Bahnen
nicht seinem Anfall wehrt -
Ein Augenblick der Helle
und schon ist's wieder fort
immer hallt die Stelle
immer west der Ort.
Vom Nötigsten
Aus der Heimat in die Fremde
und von dort hierher zurück
zog ich einst im letzten Hemde -
gab es hin, zum Glück!
Abbitte
O wie preis ich jetzt die Gabe!
da mir die Milde kommt.
Wie wohl weiß ich die Habe!
das seltne Glück, das frommt.
Wie schelt ich meinen Undank!
der oft im Streit entfuhr.
Es war: Ich war noch unfrank.
Es war aus Liebe nur!
Einsicht
Nicht sind Narben gut:
Unversehrt ist besser! -
Doch stählt es künftig Heldenmut,
Schneiden scharf die Messer.
Mächtig
Meines Herzens Allerbarmen
Möcht so recht mich nicht erwarmen -
'S ist, es spürt den Unterschied.
'S ist: Es will das Hohe Lied!
Die Bedrängten
O Ihr tiefverborgnen Wasser,
die Ihr unterirdisch fließt,
bis des offnen Lichtes Allmacht
einen Ausgang euch erschließt;
Ihr da furchtbar oder stille
der gewissen Bahn enteilt,
scharf umgrenzend wilde Ödnis
zweifach in die Gegend teilt,
wo sich lagern an den Ufern,
von der Not dorthin bestellt,
die da flüchtig ihrer Sorge
immer in Gefahr gestellt,
so daß Ihr eilig fliehet
die unheilvolle Schar,
bis das Ihr einwärts findet,
was immer vor euch war.
Vom Gehorsam
Alle Wege führn zum Ziel -
Ja! Das geht mir ein.
Noch ein Andres wiegt da viel:
Der Weg - er will gegangen sein!
Heilige Verirrung
O wie wunderhelle bricht
der Mond gekehrter Sonne Licht
als wie Eignes in die Nacht -
und doch: nur Eines hat's vollbracht.
Und so wähnen wir im Schein
ein göttlich Paar Geschwisterlein.
O wie ist der Sonne Wende
ohne Anfang, ohne Ende
und immer Nacht, als wo der Tag
Verstellung nimmer wehren mag -
Und so wähnen wir im Sein
ein göttlich Paar Geschwisterlein.
Boten der Dämmrung
Rot und golden sind die Zeiten,
da die Engel uns begleiten
in die Nacht und ihren Raum,
in den Tag und seinen Traum.
Rot und golden sind die Zeiten,
da die Himmel sich ausweiten
in das Hier und in sein Dort,
in das Jetzt und in sein Fort.
Rot und golden sind die Zeiten,
wo das Opfer wir bereiten
für das Fest und unser Heil,
für den Gott und seine Weil.
Boten des Aufgangs
Rötlich goldne Wölkchen wandern
traulich einem Ort zum andern.
Um die Bergspitz lagern nun
sie wie Herden, um zu ruhn.
Lächeln heiter dort hernieder,
spiegeln sich in Wassern wieder,
stets umblaut von jungem Morgen,
das sie von der Sonne borgen.
Rötlich goldne Sternchen blitzen
uns die Ferne aus den Ritzen.
Und es singt das schöne Heer
ewig junge alte Mär.
Glänzen stille ihren Orten,
die entgangen sind den Worten,
jedes leidend seine Weile,
uns zum Trotze, uns zum Heile.
Zuspruch
Klingt das Echo in den Bergen,
ebbt ins lautre Nichts der Ruf.
Der es sang mit voller Stimme,
ist nicht der, der es erschuf.
Die Verwindung
Wie das Wasser in den Händen
rinnt des Jahres stetes Wenden.
Mächlich ist sein innig Wandern
von dem einen Ort zum andern.
Mählig wir den Pfad erkennen,
wollen wir's beim Namen nennen.
In den breiten Gassen finden
wir's beim Zählen von den Winden;
Nennen viere von den Zeiten,
die an uns vorübergleiten
in der Vielzahl ihrer Herden,
kaum, daß wir sie inne werden. -
Noch im Anfall starren Eises
drängt das erste Blatt des Reises;
in des Lichtes langem Dehnen
will es schier kein Ende nehmen;
Bis aus jedem dunklen Streben
sich die Blütenscharen heben,
die erharrn die Liebesgabe
in Erwartung selger Habe.
Kaum das Höchste ist genossen,
keimen zarte Samensprossen;
jedes reift in seiner Hülle
sich zum Wesen seiner Fülle;
Und im sprengenden Ermessen
wirft's sein Teil in das Vergessen;
Kräfte ziehen sich nach innen
für ein künftiges Beginnen;
Mählich will die Sonne matten,
schönen Farbenrausch verstatten,
bis ein letztes fällt vom Ast;
nah schon ist die dunkle Rast,
Und es deckt das bunt Gewühle
leicht die weiche weiße Kühle,
bis des Frostes erzne Klaue
greift die Wälder wie die Aue;
Noch im Anfall starren Eises
drängt das erste Blatt des Reises. -
Wie das Wasser in den Händen
rinnt des Jahres stetes Wenden,
Windet sich den schönen Kranz
aus Göttertraum und Elfentanz.
Kaum das Fest wir je erahnen,
finden auch uns in den Bahnen.
Innigkeit
(oder: Vom flüchtigen Wesen der Einheit)
Kaum, daß uns die Triebe sprießen.
Kaum, daß wir das Licht genießen.
Kaum, daß wir entgegenreifen.
Kaum, daß wir die Ruhe greifen.
Kaum, daß uns der Leib erfreuet.
Kaum, daß uns die Seele scheuet.
Kaum, daß uns die Sinne lachen.
Kaum, daß wir an Geist erwachen.
Kaum, daß uns die Meere rauschen.
Kaum, daß uns die Segel bauschen.
Kaum, daß wir die Fremde schauen.
Kaum, daß wir die Heimat bauen.
Kaum, daß wir den Blick versenken.
Kaum, daß wir Gespräch uns schenken.
Kaum, daß wir im Hören stehen.
Kaum, daß wir den Abgrund sehen.
Kaum, daß uns die Götter fassen.
Kaum, daß wir die Erde lassen.
Kaum, daß uns die Welt umblaut.
Kaum, daß wir uns selbst geschaut.
Entfaltung
Des ernsten Blickes heitre Miene
zum Ansporn fürderhin mir diene.
Des offnen Auges schöne Flügel
willentlich ich nun entbügel.
In den eingekerbten Falten
gehen luftige Gestalten.
Der Verwandlung treues Wesen
läßt ein artig Herz genesen.
Der Wunsch und die Tat
Gerne tät ich mehr als Dichten.
Eines Helden Werk verrichten.
Eines Gottes Tempel bauen.
Einen Weg in Urwald hauen.
( Doch wer kommt, um es zu holen:
- Nur der Türke und die Polen! )
Gerne föcht ich schöne Siege.
Den's gelegt ward in die Wiege.
Denen dorrt das Vaterland.
Den' die Mutter steht zur Hand.
( Doch wer ahnt, was kommen muß:
- Der Chinese und der Russ! )
Gerne möcht ich Flammen legen.
Allem Schiefen, allem Schrägen.
Allen, die gleich mir hier darben.
Allen, die sich Not erwarben.
( Doch wer traut dem lichten Glück:
- Polyneser und Olmück! )
Gerne tät ich Dunkles lüften.
Das verweilt in heilgen Klüften.
Das erklingt im Heimatlied.
Das erlauscht den Unterschied.
( Doch wen wundern diese Gaben:
- Die ein Gastrecht inne haben! )
Am heiligen Herd
Aus der ungebrochnen Mitte
west das Offene heran,
widerstrebig jeder Bitte
reicht es Feuergeister an.
Und es gaukelt uns Gestalten
in den unzählbaren Schein;
aber Mächte, die dort walten,
kehrn in stille Einfalt ein.
Dort versammelt uns die Gabe,
denn der Herd verschenkt die Gunst,
wo des Menschen ganze Habe
ist Gespräch und lichtend Kunst.
Grüner Liebling
Heimisch in den dichten Wäldern,
ward mein Liebling früh der Baum.
Hin zog's mich aus offnen Feldern,
dort zu leben meinem Traum.
Unbefangen klomm ich Kronen,
die ein sanfter Wind umwallt.
Hoch in blauer Weite thronen
Wunderbotens leicht Gestalt.
In dem Spiele so versunken,
spürt ich oft die Sinne matten.
Und dann sank ich schlummertrunken
in des Lieblings bergend Schatten. -
Spät wuchs mir ein Garten zu,
den ich liebevoll umhegte.
In der Sorge seiner Ruh
manches Glück sich stille regte.
Und wie lieb ich's nun, zu wandern
in dem schönumgrenzten Raum.
Doch mein Auge hangt am Andern:
Meinem wildgewachsnen Baum!
Dem Gefährten
In den zögernden Gefilden
der schönen Ister steht mein Heim.
Deines soll sich immer bilden
an dem herrlich nahen Rhein.
Beiden ist die Heimat eigen,
beiden wächst entlang der Wein,
beiden will die Quelle zeigen,
beiden wohnt der Stromgeist ein.
Jedes muß den Weg sich winden
durch das unbesetzte Feld;
doch einmal müssen sie sich finden
in dem Meer, das Alles hält.
Der Jubel der Entfesslung
Endlich klären sich die Schemen
Aus dem Schleier der Gewalt!
Endlich darf ich Anteil nehmen
An dem strömenden Gehalt!
Jetzt erfüll ich mich im Wesen,
Was ich immerhin schon bin!
Und im schimmernden Genesen
Bläut sich ein der Sinn!
Endlich find ich jene Stätte,
Die mir vorbestimmt im Lauf!
Endlich fließ ich breit im Bette,
Weilt die freie Bahn mir auf!
Jetzt entsinn ich mich der Wirre,
Die mich barg im Felsenhang!
Unentrinnbar faßt die Irre,
Zog mich grausen Höhlen lang!
Heimlich! Heimlich! kann ich's fassen,
Was so mächtig immer rief!
Heimlich kann ich's fahren lassen!
Freudig stürz ich mich ins Tief!
Schon hör ich die Quelle sprudeln!
Mir voraus erglänzt der Strahl!
Jetzt entkomm ich allen Strudeln:
Mich begrüßt das Heimattal!
