Abgesang
Glücklich sah dich, Hölderlin,
deine Zeit von dannen ziehn!
Warst du auch von innen wund:
sah dich doch das Götterrund.
Reichtum schenkte dir die Sprache,
angehäuft der Väter Gut.
Nun das Erbe liegt in Brache,
nährt es nimmer Heldenmut.
Dem Gott Not das Lob zu singen,
mag der Liebende vollbringen.
Wo auch dieser sich verbirgt,
kalt es an der Kehle würgt.
Einsam steht ein solches Sagen,
das veklärt den öden Ort.
In der Heimat aller Fragen,
da gebricht das letzte Wort.
Ach, verstummt sind alle Lieder,
und die Mutter wiegt uns wieder!
Nüchtern mißt sie alle Sorgen,
sparet heute für das Morgen.
Fortgeweht sind alle Bilde,
und die Ferne lächelt stumm;
tief im Tal irrn junge Wilde
um den heilgen Berg herum.
Der Verzicht
Ach, was fandet ihr für Worte,
Dichter der gegangnen Zeit;
festen Glaubens, daß der Horte
läg im Jenseits stets bereit.
Wollte es mir doch gelingen
für den Gott, der ohne Bild,
Euch gemäß das Lob zu singen,
das der Sterblichkeit entquillt!
- Doch die Worte sind noch Bilder,
wo sie allzu deutlich sprechen
und, erwehrend wie die Schilder,
mit Gewalt den Angriff brechen.
Immer dichter kreist die Runde,
und die Erde wiegt zu schwer;
was noch eben offne Kunde,
hinkt dem Heute hinterher.
Was von Allem kann da bleiben?
Wohin drängt uns der Verzicht? -
Endlos lang währt dieses Treiben:
Meer umfaßt den Himmel nicht.
Lohn der Inbrunst
Wie nur soll ich
das besorgen,
was mir immer
drückt den Sinn? -
Kommt nicht heute,
kommt nicht morgen,
ist schon alles,
wie ich bin.
Da -:
Noch ein Jahr des Lebens
fort im lieben langen Warten;
und es war mir nicht vergebens
- blüht geheimer, stiller noch
mein Garten.
Wiegenlied
Still und nächtig ruht der Garten,
tief bedeckt vom weißen Schnee.
Endlos zieht der Frost darüber,
ungerührt vom schwarzen Weh.
- Doch wer weiß die ungenauen Kräfte,
die der Verborgne unter kalter Stirne webt?
Wenn im Widerspiel der alterslosen Mächte
ein Wort reicht
- und Alles lebt!
Die Verheißung
Welt! -
Was strahlen deine Sonnen
In den Morgen
Unschuldsvoll,
All den Frühen,
Ohne Sorgen,
Wenn der Tag noch kommen soll!
Welt! -
Was glühen deine Sonnen
In den langersehnten Abend,
All den Späten,
Wanderern,
Gierig saugend
Sich dran labend!
Nach der Nacht
Und vor der Nacht
Erinnert stark dein volles Glimmern.
Dann verstummt
Der Ruf zur Schlacht:
Götterklang und einsam Wimmern.
Die Buhlerschaft
Was will werden mir im Busen?
Liegt so lange stumm darin.
Will mich necken, will mich spusen.
Hält mich doch nur immer hin.
Es ist, als ob ich schwanger ginge
um das Rätsel dieser Welt,
dem gefällt, daß ich ihm singe,
indess es mich gefangen hält.
Ach, ich möcht es ja nicht missen,
denn es rührt mich wie ein Weib.
Will's umfassen, will es küssen,
bis die Hitze steigt im Leib.
Alte Bande wollen reißen,
die sich um mein Herz verschlungen,
eh der Sonne helles Gleißen
neu mir in das Mark gedrungen.
Kinder-Spiel
Durch den Sang der Sprache,
traumwandlerischen Gangs,
hinein
ins Schlüsselloch
der himmlischen Pforte;
auf Gut-Glück,
daß
die Götter nicht entdeckten,
wie ich heimlich
hockte in ihrer Runde
unterm Tisch ...
Wie aber,
wenn sie mich riefen - ?
Vorm Erwachen
Helle spannt den Himmelsbogen;
Aus dumpfen Schleierwolken bricht
Kalt und klar das weiße Licht;
Scheint hinein durchs trübe Fenster;
Jagt im Innern die Gespenster,
Die des Nachts dort eingezogen;
Kratzt an Schränken, spielt um Truhen,
In denen noch die Träume ruhen ...
Im Zauberwald
Durch den Wald von hohen Kronen
flieht ein scheues braunes Reh:
unten ritzen Dorngebüsche,
und von oben wittert's Schnee. -
Eingehüllt in Nebelschemen
wechselt lautlos die Gestalt:
Rotgeschwänzter junger Fuchs
streift durchs dunkle Dickicht bald.
Doch von Außen klingen Hörner
im Verein der scharfen Meute;
der das Hasenherz bedrängte,
wird nun selbst gejagte Beute. -
Jäh von oben zucken Blitze
durch den zauberischen Wald;
und zum dritten Mal geleitet
Spruch das Wesen der Gestalt:
Spitzer Schrei hallt in die Lüfte,
auf spreitzt sich ein Schwingenpaar;
stolzer Adler kreist in Runden
über Wipfeln wunderbar. -
Durch den Wald von hohen Kronen
sieht er braune Rehe flitzen,
die in grauen Nebelschleiern
sich am Dorngebüsche ritzen ...
Neue Welt
Der Seele graue Wohnung:
Gegossen in Beton
Im ureigenen Trauern
Kälte schichtet Mauern
Verflossen alle Sonn -
Machtlos gegen Schonung.
Aber an verlassner Stätte
wetzt der Wind sein Messer scharf
mürbt der Regen spröden Stein
mühelos schlingt sich hinein,
die ein seltner Lichtstrahl traf -
gräbt die Wurzel sich ins Bette.
Und Stück für Stück
erobert die Natur
den verlornen Ort zurück.
O Mensch - welch selten Glück
Wer bist du nur?
Ernst, mein Lieber!
In langen kalten Wintern
war ich Dir stets gewogen;
ein Buch zur Hand beizeiten,
den Geist mir auszubreiten,
und hast mich nicht betrogen. -
Wie nun die Schar der Vögel
zieht ins leuchtend blaue Weit,
über braun und grüne Stille,
viel pocht der sanfte Wille,
und Ahnen: Es ist Zeit! -
Einst in umwölkten Nächten
drang Dein Geseufze mir ans Ohr,
und endlos lag die Ferne; -
nun lugen erste Sterne
zag hinterm Vorhang vor.
Und ja: So manche späte Stunde,
da wünschte ich Dich fort -
zu müd, dem Lied zu lauschen,
zu alt, mich zu berauschen,
zu einsam war Dein Wort!
Wie nahmst Du mich und zogst mich
mit festem Arme nieder,
ins innigliche Bette;
und dort, auf Liliens Stätte,
fand ich die Fühlung wieder. -
Gelber Honig träufelt
aus Waben, die erstarrt
im letzten Herbstgewitter,
zähe - doch nicht bitter,
und auf heut gespart.
Nun laß die Tage ziehn
hinein ins offne Weit,
ein Tier im Schoß zum Kosen,
vorm Fenster knospen Rosen,
und , ja! - wir sind zu Zweit.
-
Deine ergebenste Freundin -
Dichters Schwester
Sprach der Bruder mich in sein Gebet?
- Wohl erkenn ich jenen Vater,
innre der Mutter liebevolle Züge
und der Himmelsblume blaue Stähle.
Wissend, daß ich ihn liebe,
sorgte sein Wort über meinen Gang,
den er beim Gott für mich erflehte,
da immer lauert der Stachel seiner Beute.
Er ist's! - Was bleibt dann mir?
Gehorsame Töchter folgen dem Erwählten,
hütend die Flamme fremden Herdes,
hoffend den Keim eines neuen Geschlechts.
Unvermählt blieb ich im Haus des Vaters;
williger nun, der Mutter Last zu tragen.
Heldin sein, und Gefährtin, ohne Reue,
und, ach! - Liebende werden,
wie sie die Welt noch nie gesehn.
Ahnend, ich müsse des Abends erst noch
den heiligen Wald durchqueren. -
Nun, komm! Bruder. - Und hilf!
Wie ein Tag
Schleier wallen früh am Morgen,
wenn die erste Helle bricht;
malen Bilder ohne Sorgen,
stören trauten Schlummer nicht.
Von der Liebe hoch gezogen,
lichtet weit sich Horizont,
breitend einen Regenbogen,
der in blauer Milde wohnt.
Gegen Mittag ziehet leise
schweres Sturmgewölke auf;
stürzt den Tag in nächtig Weise,
hemmt den vorgesehnen Lauf.
Grelle zucken einzeln Blitze
durch das schwarzgetünchte Zelt;
in den Schlund der offnen Ritze
schwemmt hinein die ganze Welt. -
Wie der Sturm sich dann geleget,
herrscht noch immer finstre Nacht;
Wolkenband wird still beweget,
und ein Lüftchen wehet sacht.
Leise streut sich in die Schwärze
neue Bläue dunkel ein;
und ein Kranz von roter Kerze
mischt den violetten Schein.
Schemen steigen aus dem Dunkel;
wie ein Schimmer Sehnsucht wiegt.
Ahnungsvoll hebt ein Gemunkel,
daß der Abend golden siegt. -
O wie herrlich, o wie mächtig,
wenn die letzte Wolke flieht!
Wenn aus Augen übernächtig
goldnes Rot die Stunde sieht!
O so dankbar, o so strahlend,
wo schon letzter Schleier wallt!
Näher Horizont ummalend,
wo der Ruf zur Nacht verhallt!
Abkunft
Die Mutter Sprache. Der Vater Land.
An guten Tagen Hand in Hand.
An schlechten wolln sie streiten,
die Grenzen auszuweiten.
An den Verborgnen
Je weniger ich suche,
je mehr find ich von dir:
Du schriebst ja schon ins Buche
die lang vergessne Tür.
Du winktest mir am Fenster,
doch hab ich's nicht gesehn;
auch folgten mir Gespenster,
die konnt ich nicht verstehn.
Ich lauschte deinem Tritte
in mancher Vollmondnacht,
dieweil Du in der Hütte
an meinem Bett gewacht.
Du reitest auf dem Winde,
und bleibst mir immer nah:
Je mehr ich von dir finde,
je weniger ist da.
An den Reichtum
O wie traulich schäumt der Segen
uns in seine Bläue ein;
und wir wandern ihm entgegen
noch im fahlen Mondenschein.
O wie liebend wallen Wogen
uns im ernsten Kinderspiel;
wo die Sterne noch nicht logen
übers vielgeraunte Ziel.
O wie mächtig zwingt das Leben
uns in seinen dunklen Wahn;
und wie ärmlich jedes Streben,
das versäumt die offne Bahn.
O wie reichlich wandelt Treue
uns ins Eigene hinein;
und wir strömen stets aufs Neue
stiller in den blauen Schein.
An meinen künftigen Verleger
Hab ein Weniges gedichtet. -
Vielleicht auch nur gereimt.
An wen es sich gerichtet? -
Vielleicht hat's mich gemeint.
Es hat mich angegangen -
weiß selber nicht, woher?
Und einmal angefangen,
kam's wie von selbst daher! -
Nun brüt ich über Worte,
die meine Rechte ließ. -
Ob wohl an anderm Orte
ein Kopf sich daran stieß ...-
Das würd ich niemals wissen,
werte Dame oder Herr -
darum mit vielen Küssen
mein Stillstes , in Gewähr,
den Namenszug zu meiden,
wenn's je die Lücke büßt;
doch Freunde, die es leiden,
die sein mir gern begrüßt! -
Zu Zeiten einer Öde,
die hilflos Füllung harrt,
ist Manches nicht zu blöde,
wenn’s eine Not erspart!
Dem Gesichte
Nährend seiner Sonne,
schmelzen des Jünglings Flügel,
da er, den weisen Vater vergessend,
in die blaue Sehnsucht sich wirft. -
Wer aber hätte, als das
übermächtige Sehnen mich unverhofft
schleuderte in die Weite des Alls,
in die kalte Einsamkeit der Sterne
hinaus über alle Sonnen, wo in
dunkler Stille die Verborgenen
thronen im luftleeren Raum -
da aber mir raten können?
- Aber der Unsichtbare,
immer wacht er über seine Kinder;
die schützende Hand streckt er beizeiten
wieder übers entblößte Haupt,
hüllend ins Gewohnte;
und bald erscheint's ein Traum. -
Doch bleibt ein Schrecken im Innern,
und achtsamer lauscht das Kind.
Wandernder Ursprung
Einsam reift in stillen Wogen
der Gesang in heilger Nacht,
der gefolgt des Himmels Bogen,
sorgsam stets zur Erd gebracht.
Einsam reift im steten Wogen
stilles Wort in fremder Nacht,
so des Lichtes bunter Bogen
nähebrechend zeichnet Macht.
Still in Deinen steten Wogen
schwärmt der ernste Geist umher,
auf und nieder an dem Bogen,
beidseits endend Dir im Meer.
Gaben des Alterns
Du alternd Herz, empfindlicher!
trifft dich des Winters Leiden.
Du reifend Herz, verbindlicher!
nimmst du des Frühlings Freuden.
Die Ewige Klage
Lange lag ich dir am Halse,
guter Kronos, Vater mein!
Trugst mich sanft im lieben Arme
mit dir allzeit, nie allein. -
Als dein Sohn des Nachts gekommen,
wie sein Blick mich lustvoll zwang.
Ach, vom Arm hat mich genommen,
der mir in die Unschuld drang. -
Lange lag ich ihm am Halse,
guter Kronos, Vater mein!
Bald erlahmten seine Arme,
und da fand ich mich allein. -
An die Familie
Die grenzenden Ufer
meiner eilenden Sehnsucht
halten mein gestelltes Bild
im Strom des steten Entspringens -
Ich bin nicht, die ihr kennt.
Ihr kennt nicht, die ich bin.
Lied des Morgens
Nenn mir, Mutter! deine Tochter,
Sag mir, wie sie heißt;
Eh die Parze ihren Faden
Von der goldnen Spule reißt.
Nenn mir, Mutter! dein Geheimnis,
Das im Schoß dir ruht;
Teil das Erbe, gib den Deinen
Je ihr Eigenes vom Gut.
Nenn mir, Mutter! deinen Willen,
Wenn der Tag versinkt;
Wenn vom Tau benetzte Blume
Wie von deiner Lippe trinkt.
Wie aber?
Dem Gott sich nahen,
ohne Ferne - ?
Sind wir das Eine,
sind wir das Andere.
Jenes aber fürchte nie,
sondern den Menschen -
Abgrund ist der:
Ein schwarzes Loch im All!
Im Getriebe
Eitler Wahn und Geckentum,
Alle Welt sonnt sich im Ruhm,
Jeder späht gemeines Recht,
Große Kleinheit redet schlecht.
Und der Gott verbirgt sein Lächeln,
Dieweil wir um die Ecken hecheln,
Alles recht ihm, was er sieht,
Wohin auch immer Wesen zieht.
Rund und kreisend, ewig göttlich,
Dürstend und schier unersättlich:
Zahn und Maul sind dumpf entblößt -
Leben weiß sich unerlöst.
Alles Winke, Alles Zeichen,
Um das Opfer einzureichen:
Ewig das! Und wir sind nichts
Als Züngelflammen Seines Lichts.
Das Gemächte
Auf dem Laufsteg schlaffer Moden
Aber Himmlisches muß wallen.
Preisgegeben glattem Boden
Stets dem Abgrund schon verfallen,
Was auch immer wir erjagen
Auf den Gipfeln unsrer Zeit.
Wozu Jammern und auch Klagen?
- Uns verläßt das große Leid.
Wen's betrifft, den mag es scheuen,
Seine Trauer vorzuzeigen;
Allzu schnell eilt das Bereuen
Nach beherzt gebrochnem Schweigen.
- Einmal zwischen Tag und Nacht
Muß die starre Hülle brechen:
Und, wo in das End gedacht,
Vorm Altar das Opfer sprechen.
Aufenthalt
Wie die Wege sich verstellen
an den Menschen mir zerschellen
wie die Wege nahtlos enden
an den stummen kalten Wänden.
Nicht, als ob mir einer grollte
etwas Übles mir da wollte
scheint's mir doch im Weitergehn
als wär es niemals je geschehn.
Und wieder steh ich sonderbar
wie vorm ersten Tage da
und die Wege hin zum Grund
führen in dasselbe Rund
und das Ringen geht aufs Neue
- einzig innig ist die Scheue.
Unerhört
Schenken wollen
und nicht können
weil die Hand zur Faust
muß ich scheiden
voll der Inbrunst
weil du mir nicht traust.
Schenken müssen
und nicht dürfen
wie verödend mich das stimmt
muß ich stumm sein
voll der Lieder
ach, wie peinlich Liebe glimmt.
Unter uns
Fremde Augen
Starren blöde
In die dunkle Nacht hinein.
Kalte Augen
O wie öde -
Dieses soll mein Bruder sein?
Leichter würd ich dich erkennen
Könnt ich dich beim Namen nennen.
Vom Sein
So weit die Worte tragen:
Ein Teil bleibt doch zurück.
Im Ringen um das Sagen
Ergibt sich ein Geschick
Und fühlend ahnt im besten Fall
Der Mensch sich selbst als Widerhall.
Gipfel-Stürmer
Völker ohne Zahl gingen ihm voraus,
Stolz und kriegerisch. Er aber war
Ein Erstling: versöhnend das
Gegenstrebige Schicksal seines Volkes.
Wie könnte er auch nicht beleidigen? -
Schlichte Geste und frohes Wort.
Seinen Gott aber liebte er mehr
Als sich selbst, der Nazarener.
- Da reichte er sein Opfer an.
Schnellvergänglich, wie alles Himmlische,
Wirkte er uns Heutige. Käme aber einer
Herab von den prophetischen Bergen
Ohne den schwingenden Hammer? -
Stark und ausdauernd wurde das Volk,
Ein einziges Schicksal zu tragen bereit:
Im Gemächte erstreitend den Ort
Des Großen wie des Kleinen, donnernd,
Daß die Welt erzittert in den Nähten!
O daß die Fülle dieser Sendung
Ein liebend Herz wohl drängen muß!
Der göttliche Blitz mag treffen
den Suchenden und umschatten
Mit der Nacht. Dies glaub ich wohl!
So verzehrt das lange Warten bald auch mich,
Und, - wär ich väterlos, ohne Gefährten -
Hielt ich kaum dem Wesen stand.
- Wohl dem aber, der noch kommen muß!
